Beruf oder Berufung? Der Zusammenhang zwischen Arbeit und Lebenszufriedenheit

Michael Thomas
© Shutterstock/Andrey_Popov

Für viele dürfte es zumindest gefühlt ein alter Hut sein: Füllt einen die eigene Arbeit aus, ist man mit Feuereifer bei der Sache, dann vergeht die Arbeitszeit wie im Fluge, und auch Unannehmlichkeiten wie eine zu Wünschen übrig lassende Bezahlung oder Überstunden verlieren einen Teil ihres Schreckens. Macht man seinen Job jedoch nur, weil man nun einmal Geld zum Leben braucht, so kriechen die Stunden mitunter im Schneckentempo dahin, und bereits das morgendliche Schälen aus dem Bett kann zur Herkulesaufgabe mutieren.

Oder anders ausgedrückt: Ist der Beruf gleichzeitig Berufung, hat man mehr Spaß am Leben.

Da Daten jedoch bloßen Vermutungen jederzeit vorzuziehen sind, sind die Sozialpsychologinnen Prof. Dr. Andrea Abele-Brehm und Dr. Tamara Hagmaier-Göttle von der Universität Erlangen in einer Studie eben diesem Zusammenhang zwischen Berufung und Lebenszufriedenheit nachgegangen.

Was ist „Berufung“ eigentlich?

Dazu muss zunächst definiert werden, was im Forschungskontext unter „Berufung“ zu verstehen ist. Die Autorinnen der Studie nennen 3 Hauptaspekte, die den Beruf zur Berufung machen:

  1. Es muss eine möglichst große Übereinstimmung zwischen Fähigkeiten und Interessen des Arbeitnehmers einerseits, den Anforderungen seiner Arbeitsstelle andererseits bestehen. Dies führt gleichzeitig zu einer hohen Identifikation mit dem Arbeitgeber.
  2. Der Arbeit muss eine gewisse Bedeutung bzw. ein höherer Sinn beigemessen werden; beispielsweise Arbeit zum Wohle der Gemeinschaft.
  3. Der Arbeitnehmer muss in irgendeiner Weise an das Wirken einer transzendenten Kraft (z.B. Gott, aber auch das Schicksal etc.) glauben. Dies verleiht ihm die nötige Sicherheit beim Verfolgen seiner Karriere — sowie die Gewissheit, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Je eher ein Individuum sich diesen Charakteristika annähert, desto größer ist dessen Empfindung, dass sich Ideal-Selbst und Real-Selbst im Einklang befinden.

Versuchsablauf und Ergebnisse

Um sowohl den kurzfristigen wie langfristigen Effekten der Berufung auf die Lebenszufriedenheit auf die Spur zu kommen, wählten die Forscherinnen ein Sample von knapp 550 Arbeitnehmern (davon etwas mehr als die Hälfte Akademiker) aus den unterschiedlichsten Branchen. Die Teilnehmer wurden über den Grad ihres Arbeitsengagements und ihrer Arbeitszufriedenheit einerseits, das Ausmaß ihrer allgemeinen Lebenszufriedenheit andererseits befragt.

Das Ergebnis: Je größer die Übereinstimmung zwischen Idealvorstellung und realen Gegebenheiten am Arbeitsplatz, desto größer war die allgemeine Lebenszufriedenheit. Je weiter Idealvorstellung und Realität auseinanderklafften, desto unzufriedener waren die Teilnehmer mit ihrer Lebenssituation.

Da die Erkenntnisse in erster Linie aus Selbstzuschreibungen stammen, sind sie natürlich mit einer gewissen Vorsicht zu genießen — was den Forscherinnen durchaus bewusst ist. Sie geben außerdem zu bedenken, dass noch weitere Studien nötig sind, um zusätzliche potentielle Faktoren bzw. deren Wirkung zu ermitteln, beispielsweise den Einfluss der sozialen Unterstützung oder das Ausmaß des Feedbacks, das man am Arbeitsplatz erhält.

Nichtsdestotrotz: Die Ergebnisse der Studie korrelieren mit denjenigen früherer Forschungen, die die Motivation von Menschen, die sich an Crowdsourcing-Projekte beteiligen, untersuchten.

Insgesamt betrachtet bietet die Studie reichlich Anknüpfungspunkte für ein erfolgreicheres Selbstmanagement. Und auch der eine oder andere Talentmanager könnte sich die Erkenntnisse der Psychologinnen hinter die Ohren schreiben…

Aufmacherbild: Programmer sleeping at working place in the office von Shutterstock / Urheberrecht: Andrey_Popov

Geschrieben von
Michael Thomas
Michael Thomas
Michael Thomas studierte Erziehungswissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und arbeitet seit 2013 als Freelance-Autor bei JAXenter.de. Kontakt: mthomas[at]sandsmedia.com
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