Ein ganz normaler Tag in einem ganz normalen Softwareunternehmen

Being a Java Enterprise Developer

Bernhard Löwenstein

Der Beruf des Softwareentwicklers gilt für viele als Traumjob. So arbeitet dieser ständig an interessanten und herausfordernden Aufgabenstellungen und kann zur Lösung des Problems stets auf die neuesten Technologien zurückgreifen. Doch ist das wirklich so? Lassen Sie uns diesen Mythos genauer unter die Lupe nehmen.

A new Day has come

Berlin, acht Uhr morgens, der Wecker klingelt. Es ist ein sonniger Freitag und für mich höchste Zeit aufzustehen. Ganz fit bin ich nicht, denn die Nacht war kurz. Solche Tage überstehe ich gewöhnlich mit viel Kaffee und ein wenig Red Bull (als Österreicher ist es mir natürlich ein Anliegen, die wertvollste Marke der Alpenrepublik gekonnt in Szene zu setzen). Schuld daran ist das Buch „Adrenalin Junkies und Formular Zombies“. Schon länger lag dieses Werk auf meinem Nachttisch. Gestern kurz vor Mitternacht fasste ich mir ein Herz und begann darin zu lesen. Einmal in die Hand genommen, konnte ich es nicht mehr beiseite legen. Selten hat mich ein Werk in letzter Zeit so gefesselt. Ein schwerer Verdacht kam allerdings während des Lesens in mir auf: Tom DeMarco und seine Mitautoren müssen sich wohl wochenlang in unseren Aktenschränken versteckt und uns von dort aus beobachtet haben. Nur auf diese Weise lässt sich nämlich erklären, dass viele der beschriebenen Muster derart authentisch mit den Verhaltensweisen in unserem Unternehmen übereinstimmen.

Feel Good Inc.

Wir sind ein mittelständisches Softwarehaus mit rund 25 Mitarbeitern, das vorrangig in den Bereichen Entwicklung und Beratung tätig ist. Zur Realisierung unserer Systeme setzen wir meist auf Java-Enterprise-Technologien. Spezialisiert sind wir auf so genannte Feuerwehrjobs – der Kunde weiß zwar nicht, was er will, das soll in den nächsten vier bis sechs Wochen dennoch geliefert werden. Charakteristisch für eine Softwareschmiede unserer Größe ist, dass jeder mehrere Rollen im Entwicklungsprozess einnimmt. So kann es durchaus passieren, dass ich morgens als Architekt, mittags als Programmierer und nachmittags als Tester tätig bin. Eine gewisse Schizophrenie bringt diese Branche also von Haus aus mit. Durch das Multirollenkonzept muss natürlich jeder Entwickler diverse Technologien und Vorgehensweisen beherrschen. Dadurch fühlt man sich von Zeit zu Zeit schon wie ein kleines Universalgenie – quasi als Leonardo Da Vinci der Softwarebranche.

Was macht unser Unternehmen aus? Sicherlich die netten Menschen, die für den Betrieb arbeiten. Dass sich bei uns jeder wohl fühlt, ist nicht zu übersehen. Doch wir könnten unterschiedlicher nicht sein. So tüfteln hier nicht nur Ossis, Wessis und Österreicher, auch was die eigentliche Arbeitsweise betrifft, ist so gut wie jede Entwicklerspezies anzutreffen. Da piepsen einerseits die Kommandozeilenfetischisten um die Wette, während andererseits die WYSIWYG-Anhänger ständig auf der Suche nach noch komfortableren grafischen Werkzeugen sind. Einen großen Visionär konnten wir seinerzeit ebenfalls zum Mitarbeiterstamm zählen. Bereits vor Jahren wiesen seine Formulare Löcher ähnlich dem Schweizer Käse auf, damit der Benutzer durch diese hindurch die Fenster aus dem Hintergrund nach vorne holen konnte. Ganz nach Sid aus dem Film „Ice Age“ lässt sich somit festhalten: Wir sind schon eine krasse Herde!

Geschrieben von
Bernhard Löwenstein
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