Back to the Roots: Das war die JavaOne 2013

Sebastian Meyen

Mit einem robusten Bekenntnis zu den fundamentalsten Fähigkeiten von Java wurde am 22. September die JavaOne 2013 eröffnet. So betonten die Oracle-Sprecher bei ihrer Begrüßung im Moscone-Center, also dem Ort, wo Java seit Mitte der 1990er Jahren seine größten Erfolge feierte, die Einheit Javas. Durch Java 8 werde es endlich wieder ein einheitliches Java geben – keine Fragmentierung mehr in inkompatible Editionen für ME (Mobile Edition), CDC (Connected Device Configuration) oder Java SE Embedded.

Damit verfügte die Veranstaltung, die parallel zur Mega-Konferenz Oracle OpenWorld ausgerichtet wurde, über eine handfeste Story und musste nicht, wie so oft in der Vergangenheit, im Ungefähren verbleiben. Java 8 stellt ohne Zweifel das wichtigste Release der Java-Plattform seit Jahren dar, und zwar, weil es nicht nur auf Ebene der Java-Programmiersprache viele Neuerungen mitbringt, sondern weil es auch die Weichen für die Einheit der Plattform stellt.

Mit dem Internet der Dinge (IoT) positionierte Oracle daneben ein weiteres zentrales Motto, dem eine Fülle an Vorträgen und Keynote-Beiträgen im Verlauf der Konferenz gewidmet waren.

„Java is back“ sagte Mark Reinhold, Chief Architect der Java-Platform, am Ende seiner Eröffnungsrede, und es schien, als fiele ihm ein Stein vom Herzen. Auch wenn aus europäischer Sicht nicht bestätigt werden kann, dass Java „back“ ist, weil es ja zu keinem Zeitpunkt „away“ war, stellt sich Java ganz offensichtlich wieder in die vorderste Front der Innovation.

Java macht Tempo

Und so nähert sich Java 8 mit schnellen Schritten. Oracle nutzte seine Hausmesse, um zu unterstreichen, dass man im Plan sei und im März 2014 das neue Release ausliefere. Enthalten darin ist eine Fülle an Neuerungen, die in ihrer Summe die Java-Plattform einen bedeutenden Schritt nach vorne bringen werden:

  • Herausstechendes Merkmal ist die neue Lambda-Funktionalität der Programmiersprache. Mit ihr lassen sich mit geringerem Aufwand und bei deutlich besser lesbarem Code Multi-Core-Anwendungen entwickeln. „Fork/Join war ein gutes Proof of Concept“, sagte Brian Goetz, Chief Architect der Java Language, bei seiner Keynote. „Mit Lambdas erhalten Java-Entwickler nun endlich ein praxistaugliches Werkzeug“.
  • Die ins JDK integrierte Nashorn Scripting Engine bringt jetzt JavaScript, das sich weltweit rasant steigender Popularität erfreut, auf die Java-Plattform.
  • Das neue Date und Time API löst die bisher vorhandene, eher archaische Technologie für die Datumsmanipulation ab.
  • Neue sogenannte „Compact Profiles“ erlauben es, Subsets der Standard Edition (SE) für den eingebetteten Einsatz zu erzeugen. Auf diesem Wege soll z.B. als nächstes ein Nachfolger für die CDC (Connected Device Configuration) entwickelt werden. Der Vorteil besteht darin, dass alle bisher vorhandenen Inkompatibiliäten zwischen der SE einerseits und den verschiedenen Micro-Editionen wie ME, CDC, CLDC, JavaCard andererseits, aufgehoben werden können. Das Versprechen eines „geeinten Javas“  – mit einheitlichem API vom fingernagelgroßen Sensor bis hin zum Server – rückt damit ein Stück näher.

Aus Java ME wird IoT

Wer die JavaOne über die Jahre mitverfolgen konnte, mochte auf der diesjährigen sein Déjà-vu erleben: Java ME, von vielen seit dem Aufstieg der Smartphones für tot gehalten, erlebt dieser Tage eine Renaissance. Und die geht so: Das Internet der Dinge (IoT), von zahlreichen Analysten zum ganz großen „Nächsten Ding“ in der IT erklärt, kann sich nur entwickeln, wenn einheitliche Standards und Protokolle etabliert werden. Davon ist der Markt aktuell jedoch sehr weit entfernt, denn es dominieren proprietäre Technologien und Silo-artige Lösungen.

In der Erwartung aber, in den nächsten Jahren zig-Milliarden Geräte mit Rechenleistung und Vernetzung auszustatten, steht die Industrie vor der Herausforderung, ein einheitliches Programmiermodell, eine kohärente Plattform sowie standardisierte Protokolle für eine große Anzahl verschiedener Chipsets zu schaffen, so Oracle. Ein Markt wie geschaffen für das „Write Once, Run Anywhere“ von Java.

Im Kontrast zu den Ankündigungen stand indes die Tatsache, dass nur wenige konkrete Technologien oder Pläne präsentiert werden konnten. Sieht man einmal von den Oracle-Lizenzprodukten „Oracle Java ME Embedded“ und „Oracle Java Embedded Suite“ ab, herrscht bei den frei verfügbaren Java-Technologien in diesem Bereich (noch) Mangelware. Es scheint, dass die Chancen für die Java-Community zwar erkannt wurden, in diesem Milliarden-Markt ganz vorne mitzumischen, es derzeit aber noch an der Entschlossenheit mangelt, technische Fakten zu schaffen. So wurde auf Nachfrage darauf verwiesen, dass mit Java 8, und später dann mit der Modularisierung durch Java 9, die technischen Voraussetzungen für die Community getroffen werden.

Gewiss weist Java 8 auch für Mobile in die richtige Richtung, werden doch wichtige neue Sprachfeatures erstmalig auch für den ME-Bereich zugänglich. Und gewiss wird danach Java 9 mit seiner Modularisierung, die eine Vereinheitlichung der Java-Editionen von Micro bis Enterprise erstmalig möglich machen soll, den Durchbruch bringen. Aber die Frage sei gestattet: Ist die Java-Welt damit schnell genug? Oder wird nicht ein Markt, der aktuell ganz erheblich an Fahrt aufnimmt und nicht lange auf technische Antworten warten kann, der Java-Community entgleiten?

Auf der anderen Seite besitzt die Java-Gemeinde einen gewaltigen Vorteil: Falls sich die Prognosen erfüllen und das IoT sich zu einem der großen Geschäftsbereiche der IT-Branche entwickelt, wird es in einer fragmentierten und überwiegend auf C und C++ basierenden Embedded-Welt nicht genügend Entwickler-Ressourcen geben. Da Java offiziellen Schätzungen zufolge weltweit über 9 Millionen Entwickler zählt, schlummert hier ein erhebliches Potenzial, für das es kaum Alternativen zu geben scheint.

Mit der Schwerpunktsetzung auf das Internet der Dinge bewiesen die Oracle-Strategen gewiss den richtigen Riecher, allerdings scheint der Markt noch sehr diffus und die technologischen Angebote seitens der Java-Community noch im Vagen zu bleiben. Da passt es gut, dass sich die Community zunächst spielerisch des Themas annimmt und sich in der Entwicklung von Raspberry-Pi-basierten Anwendungen übt.

Der Raspberry-Hype

Mit Applaus wurde aufgenommen, dass Donald Smith während der abschließenden Community-Keynote die offizielle Partnerschaft zwischen Oracle und der Raspberry Pi Foundation verkündete, die dazu führt, alle Raspberrys zukünftig mit dem JDK7 auszuliefern.

Wer den Raspberry Pi noch nicht kennt: Für 25 US-Dollar kann jeder diesen Einplatinen-Computer mit einem 700-MHz-Prozessor und 256 MB Arbeitsspeicher erwerben. Auf ihm läuft standardmäßig eine Linux-Variante, und als Netzwerkschnittstellen dienen Ethernet und USB. Der Raspberry Pi hat sich in der sogenannten Maker-Szene als State-of-the-Art-Plattform für die spielerische Programmierung von Heim-Automation, Mediensteuerung oder Robotertechnik etabliert und lenkt zunehmend das Interesse der Industrie auf sich.

Während der JavaOne wurden gleich mehrere Vorträge zur Raspberry-Programmierung angeboten, und auch eine Challenge wurde veranstaltet, bei der es um die Entwicklung kreativer und inspirierender Lösungen ging. Besonderes Augenmerk gehörte dem von Oracle-Mitarbeitern (im Vorfeld der JavaOne entwickelten) Rasperry-Pi basierten Tablet-Computer. Das Touch-Device wurde aus Komponenten zum Einkaufspreis von etwa 300 Euro zusammen geschraubt und unterstützt JavaFX als UI-Technologie (mehr Infos im JAXenter-Beitrag „Der Duke entdeckt DIY: Open-Source-Hardware „DukePad“ auf der JavaOne vorgestellt“).

Das „System JavaOne“

Die JavaOne steht zwar immer noch im Schatten der unermesslich großen Oracle OpenWorld, die parallel im Moscone-Kongresscenter stattfindet, konnte aber im Vergleich zu 2010, als ich sie zum letzten Mal besuchte, ein gutes Maß an Eigenständigkeit entwickeln. So funktionierte das Networking innerhalb der Java-Gemeinde trotz der Tatsache, dass man nur ein kleiner Teil einer 60.000 Teilnehmer zählenden Gesamtveranstaltung war, erstaunlich gut. Und tatsächlich: Nachdem vor drei Jahren noch eine gewisse Entfremdung zwischen Oracle und dem Java-Ökosystem auf die Stimmung drückte, kann die JavaOne wieder als zentraler Branchen-Treffpunkt angesehen werden. Das „System JavaOne“ funktioniert wieder.

Mit dem Bekenntnis zur Einheit der Plattform und zum Internet der Dinge kehrt Java wieder zu seinen Wurzeln, die tief in den 1990er Jahren liegen, zurück. Was damals als visionäre Technologie eines technisch verliebten Sun Microsystems zelebriert wurde, könnte in den nächsten Jahren ernsthaftes Business werden – und eine gewaltige Chance für alle Java-Entwickler weltweit.

Geschrieben von
Sebastian Meyen
Sebastian Meyen
Sebastian Meyen ist Chefredakteur des Java Magazins sowie des Eclipse Magazins. Außerdem trägt er die Verantwortung für Programm und Konzept sämtlicher JAX-Konferenzen weltweit. Er begleitet so die Java-Community journalistisch schon fast seit ihren Anfängen. Bevor er zur Software & Support Media GmbH kam, studierte er Philosophie in Frankfurt.
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