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Automatisierte Produktion von Loseblattwerken

Helmut Orian

Zahlreiche Fachverlage publizieren ihre Werke als Loseblattsammlungen, zu denen die Leser später immer wieder Ergänzungslieferungen erhalten. Die Erstellung dieser Ergänzungslieferungen bedeutet für den produzierenden Verlag eine echte Herausforderung. Ein Beispiel hierfür sind juristische Werke: Jede noch so kleine Änderung in einer Gesetzesnorm führt dazu, dass sämtliche Loseblattsammlungen, die diese Norm beinhalten, aktualisiert werden müssen. Texterweiterungen oder -löschungen nehmen direkten Einfluss auf das Layout. Seitenzahlen verändern sich, Umbrüche gestalten sich neu. Mithilfe moderner Redaktionssysteme kann der Aufwand für die Erstellung der entsprechenden Ergänzungslieferungen auf ein Minimum reduziert werden.

Bei der Veröffentlichung von Fachinformationen müssen drei Dimensionen berücksichtigt werden: die zeitübergreifende, die cross-mediale und die werkübergreifende Publikation. Die zeitliche Dimension spielt eine Rolle, weil z.B. eine Norm über hundert Jahre bestehen kann, ohne vom Normgeber je vollständig neu veröffentlicht zu werden. Stattdessen werden vom Gesetzgeber nur die jeweiligen Änderungen veröffentlicht und von den Verlagen in den Gesamtbestand eingearbeitet. Der Normbestand muss über die Zeit konsistent gehalten und der richtige Stand in der richtigen Ergänzungslieferung publiziert werden. Die Veröffentlichungszyklen können sich überschneiden. Die Inhalte müssen cross-medial veröffentlicht werden, d.h. als Printwerk, CD-ROM und für Intra- oder Extranets. Für die digitalen Publikationen ist es in der Regel problemlos möglich, ganze Informationseinheiten komplett neu zu veröffentlichen. Bei Printwerken sind die Papier- und Druckkosten zu hoch, um jeweils die ganze Informationseinheit neu zu veröffentlichen. Stattdessen werden in einem Loseblattwerk nach dem Ringbuchprinzip nur die Seiten ausgetauscht, die von den Änderungen betroffen sind. Hinzu kommt, dass werkübergreifend gearbeitet werden muss: Ein Text, wie etwa eine Norm, wird in mehreren Werken mit unterschiedlichen Satzspiegeln und/oder Layouts verwendet. Eine Norm kann auch innerhalb des gleichen Werkes mehrfach veröffentlicht werden, z.B. einmal in kompakter Form und an anderer Stelle aufgeteilt vor der jeweiligen Kommentierung, mit jeweils unterschiedlichen inhaltlichen Ständen, Seitenumbrüchen und Fußnoten. Neben werkspezifischen Seitenumbrüchen sind z.B. auch Fußnoten zu berücksichtigen, die sich nach Werk und inhaltlichem Zusammenhang unterscheiden. Eine Lösung besteht darin, alle Varianten in einem Gesamt-XML-Content vorzuhalten und bei der Produktion nach Werk, Medium und Stand auszufiltern. Das funktioniert für kürzere Zeit, wenn sich die einzelnen Aktualisierungen in einem oder mehreren Werken zeitlich nicht überlappen und wenn die Aktualisierungen nur wenige Werke parallel betreffen, ist sonst aber unübersichtlich und schwer zu pflegen.

Trennung von Inhalt und Layout

Die Alternative ist, werkspezifisches Layout und Fußnoten getrennt vom Inhalt beim jeweiligen Werk zu pflegen. Die Norm wird bei der Aktualisierung für das jeweilige Werk und das jeweilige Medium mit den entsprechenden Layout-Informationen angereichert. Ein weiterer Grund für diese strikte Trennung von Inhalt und Layout-Informationen im weiteren Sinne besteht darin, dass den Autoren kein Satzsystem zur Verfügung steht. Sie können nur den Inhalt editieren, nicht aber die satzspezifischen Layoutinformationen. Ändert ein Autor in einem Korrekturzyklus Text, so sollte dieser eingepflegt werden können, ohne die gesamte Formatierung wiederholen zu müssen.

Abhilfe schaffen moderne XML-basierte Redaktionssysteme wie zum Beispiel SCHEMA ST4, die in einem konsistenten Pool sämtliche Inhalte in Form von einzelnen, versionierten Informationseinheiten verwalten. Innerhalb des Redaktionssystems hat der Verlagsmitarbeiter Übersicht darüber, wie die Informationen miteinander verknüpft sind, und kann Änderungen strukturiert vornehmen. Dafür wählt er die zu modifizierenden Informationseinheiten und kann kleinere Änderungen direkt im Editor vornehmen. Der XML-Pool bildet dann die Datenquelle für die Publikation. Die Struktur des Werkes wird getrennt vorgehalten. Bei der Erstellung liest das System die Informationseinheiten mithilfe der hinterlegten Struktur aus dem Datenpool aus und produziert sie für die unterschiedlichen Medien. Im System werden Inhalt und Layout strikt getrennt. Das gilt auch für Seitenumbrüche und sonstige werkspezifische Eingriffe im Satzsystem. Die Steuerung der Loseblattautomatisierung und den Austausch von XML-Daten mit dem Satzsystem übernimmt das Redaktionssystem. Das Satzsystem, zum Beispiel Advent 3B2, setzt die XML-Daten in das vorgegebene Layout und berücksichtigt dabei die Seitenumbruchsinformation, die aus dem Redaktionssystem hinzugefügt wurde. Geänderte Blätter sind gekennzeichnet. Advent 3B2 prüft für diese Blätter, ob eine Umbruchänderung notwendig ist. Läuft das Blatt über, werden automatisch Ergänzungsseiten (so genannte a-b-Seiten) eingefügt. Auf diese Weise kann ein durchgängiger XML-Workflow vom Autor über das Lektorat bis zum Satz realisiert werden.

Geänderte Seiten ermitteln

Für die Erstellung von Ergänzungslieferungen muss ermittelt werden, welche Seiten sich verändert haben bzw. welche herausgenommen oder neu dazu gekommen sind. Das dafür speziell entwickelte Verfahren ST4 TripleDelta vergleicht die in XML vorliegende Rohdatei (V1) und die Layout-Datei (V1L) des Ursprungswerkes mit der neuen Version (V2) und berechnet mithilfe von Heuristiken eine gelayoutete neue Version (V2L).

Abb. 1: Funktionsweise des ST4-TripleDelta-Verfahrens

Dabei kann präzise berechnet werden, welche Bereiche unverändert bleiben und damit vom Setzer nicht neu zu layouten sind. Für die veränderten Seiten dagegen berechnet das ST4 TripleDelta mittels Heuristiken einen Vorschlag für das Layout. Dafür ermittelt es so genannte Edit-Scripts, die beschreiben, wie Inhalte, Struktur und Attribute einer XML-Datei verändert wurden. Das folgende stark vereinfachte Beispiel soll den gesamten Vorgang verdeutlichen. Das XML-Redaktionssystem produziert aus den versionierten Informationseinheiten die XML-Rohdatei (V1), die noch keine Layoutinformationen enthält:

Produktion von Loseblattwerken

Viele Fachverlage arbeiten nach wie vor papierbasiert.

Loseblattwerke werden von externen Dienstleistern im Stehsatz verwaltet, in die dann auch Änderungen eingepflegt werden.

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Beim Layouten wird diese XML-Datei um die Layoutinformationen ergänzt (V1L). Das ST4-Element z.B. markiert einen Seitenumbruch. Sein changed-Attribut wird später vom ST4 TripleDelta auf true gesetzt, wenn eine Änderung erkannt wurde:

Produktion von Loseblattwerken

Viele Fachverlage arbeiten nach wie vor papierbasiert.

Loseblattwerke werden von externen Dienstleistern im Stehsatz verwaltet, in die dann auch Änderungen eingepflegt werden.

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In einer inhaltlich neuen Version (V2) ist hier z.B. der Titel geändert und ein Absatz eingefügt worden:

Automatisierte Produktion von Loseblattwerken

Viele Fachverlage arbeiten nach wie vor papierbasiert.

Ein neuer Absatz.

Loseblattwerke werden von externen Dienstleistern im Stehsatz verwaltet, in die dann auch Änderungen eingepflegt werden.

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Helmut Orian
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