Auf dem Weg zur feministischen Programmiersprache?

Hartmut Schlosser
©Shutterstock/ agsandrew

Sprachen haben einen Einfluss darauf, wie wir denken und die Welt wahrnehmen. Die berühmte These der Ethnolinguisten Sapir und Whorf geht davon aus, dass die semantische Struktur der Muttersprache, also im wesentlichen Grammatik und Wortschatz, unser Denken beeinflusst – oder gar bestimmt.

Populär geworden ist das (in seiner starken Form mittlerweile widerlegte) Beispiel der Inuits, in deren Sprache sich sehr viel mehr Begriffe für „Schnee“ finden sollen als in europäischen Sprachen. Der französische Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure weist darauf hin, dass schon der Bedeutungsraum des französischen Wortpaars „Forêt“ – „Bois“ sich nicht exakt auf das deutsche „Wald“ – „Gehölz“ übertragen lässt.

Der Reichtum der Sprachen wird aus dieser Perspektive als Reichtum des menschlichen Denkens verstanden. Informatiker fragen sich nun, inwiefern man diese Perspektive auf den Bereich der Programmiersprachen übertragen kann.

Eine feministische Programmiersprache?

Bedeutet die Konzentration auf ein paar wenige Mainstream-Sprachen in der heutigen IT-Landschaft nicht eine gefährliche Verarmung, insbesondere da sich diese Sprachen im Grunde sehr ähnlich sind? Sollten wir nicht noch einmal grundsätzlich die Genese der heutigen Programmiersprachen überdenken, die ja fast alle unter dem Diktat der strengen Logik, im Kontext der männlich geprägten Wissenschaften und unter der Dominanz der englischen Sprachkultur entstanden sind?

Wie sähe beispielsweise eine feministische Programmiersprache aus, fragt sich die Technologiestudentin Arielle Schlesinger in einem aktuellen Blogpost.

Der Ansatz

Eine feministische Programmiersprache müsste um ein nicht-normatives Paradigma herum aufgebaut werden, das alternative Formen des Abstrahierens repräsentiert, schreibt Schlesinger. Sie geht davon aus, dass die vier Hauptgruppen heutiger Programmiersprachen – imperativ, funktional, objekt-orientiert und logisch – eine Norm etablieren, die als „Normalität“ meist ungefragt akzeptiert wird, im Grunde aber nur die Werte und Ideologien der Gesellschaft widerspiegeln.

Vor allem aber engt diese Norm die Sicht auf alternative Programmierparadigmata ein. Im Sinne einer post-strukturalistischen Dekonstruktion der Logik lotet sie die Möglichkeiten einer genuin feministischen Programmiersprache auf der Basis einer feministischen Logik aus. Vorarbeit leisten hier Denker einer parakonsistenten Logik, in der es beispielsweise nicht zulässig ist, aus zwei widersprüchlichen Aussagen A und ¬A jede beliebige Aussage herzuleiten (Graham Priest, Richard Sylvan, Newton da Costa, Diderik Batens, u.a.).

Ob das Projekt einer feministischen Programmiersprache gelingen kann, ist vielleicht weniger wichtig als die Annahme, dass sich ein Perspektivenwechsel weg von etablierten Problemlösungsmechanismen hin zu neuen Formen, typische Programmierprobleme anzugehen, lohnen könnte.

Sprachenvielfalt – Denkvielfalt?

Als Programmierer ist man geneigt, das Feld der Informatik mit seiner mathematischen Tradition als etwas sehr Objektives zu betrachten. Es herrschen die strengen Regeln der exakten Wissenschaften: Logik, Algorithmik, Hardware-Technik. In diesem gegebenen Rahmen bleibt vermeintlich kein Raum für Subjektivität.

Doch auch wenn man einem Projekt der „feministischen Logik“ skeptisch gegenübersteht, wird man die subjektiven Elemente unserer Wissenschaft bei genauerem Betrachten nicht leugnen können.

Es genügt, sich in den Communitys verschiedener Programmiersprachen umzuhören, wo man schnell auf Wertaussagen treffen wird wie: Ruby ist eleganter als Java, Basic ist etwas für Kinder, JavaScript ist unsauber, PHP ist cooler als C#, etc. Diese „subjektive“ Seite setzt sich oft auch in Bezug auf verschiedene Programmierparadigmata fort: funktionale Programmierung versus Objekt-Orientierung, imperativ versus deklarativ, statische versus dynamische Typisierung, etc.

Nun ist es mittlerweile zu einem Allgemeinplatz geworden, dass das Lernen einer neuen Programmiersprache eine Bereicherung darstellt. Wer nur objekt-orientiert zu programmieren gelernt hat, sieht eben jedes Problem durch die Linse der Objektorientierung. In diesem Sinne kann man die Suche nach alternativen Programmierparadigmata als Bereicherung des Denkraumes verstehen: neben die üblichen objekt-orientierten, funktionalen, imperativen, deklarativen, prozeduralen oder logischen Programmiersprachen reihen sich dann möglicherweise feministische, landessprachliche, von der Accessibility- oder der Queer-Bewegung inspirierte Programmiersprachen (z.B. transCoder) ein.

Wem dies suspekt ist, wird sich vielleicht von einer Anekdote von der W-JAX inspirieren lassen:

Auf dem dort veranstalteten Lego-Mindstorms-Wettbewerb sollten die Teilnehmer ein Lego-Fahrzeug bauen, das autonom einen bestimmten Parcours durchfahren sollte. Nachdem die gestandenen Informatik-Profis nach zwei Stunden noch immer kein funktionierendes Roboter-Fahrzeug liefern konnten, bemerkte der Initiator des Wettbewerbs Bernhard Löwenstein, dass Kinder üblicherweise schneller zu einem Ergebnis kämen, da sie viel stärker in einem Trial-and-Error Paradigma dächten.

Aufmacherbild: Geometry of Soul series von Shutterstock / Urheberrecht: agsandrew

Geschrieben von
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser ist Redakteur und Online-Koordinator bei Software & Support Media. Seine Spezialgebiete liegen bei Java-Enterprise-Technologien, JavaFX, Eclipse und DevOps. Vor seiner Tätigkeit bei S & S Media studierte er Musik, Informatik, französische Philologie und Ethnologie.
Kommentare
  1. wynja2013-12-17 08:01:50

    Ehrlich gesagt weiß ich nach dem Lesen des Artikels nicht mehr als vorher. Vollgespickt mit akademischen Fachbegriffen und leider ohne Struktur, finde ich.
    Ich kann mir auch noch nicht vorstellen, inwieweit sich eine feministische Logik (wie ist diese überhaupt gestaltet?) von anderer Logik unterscheidet?
    Das kommt für mich nicht raus.

  2. Matthias2013-12-20 20:28:53

    Das mit den Inuit ist ja so schon mal nicht ganz richtig:

    http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.die-wahrheit-inuit-und-der-...

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