Warum manchmal eine einfache Modernisierung auch reichen würde ...

Revolution oder Evolution in der IT: Warum manchmal eine Modernisierung reicht

Derek Britton

©Shutterstock / iQoncept

Heute ist oft von digitaler Transformation oder der vierten industriellen Revolution die Rede. Doch sind revolutionäre Umbrüche der richtige Weg zu einer zeitgemäßen IT? Sollte man gut funktionierende Legacy-Systeme einfach über Bord werfen? Dieser Artikel stellt die Modernisierung bestehender Systeme als pragmatische, risikoarme und günstige Alternative vor.

Nach Zahlen der Standish Group waren in den letzten Jahren nur rund 30 Prozent der IT-Großprojekte erfolgreich. Angesichts dieser Ergebnisse verwundert es nicht, wenn Mammutprojekte in der IT zunehmend kritisch gesehen werden. IDC erklärte kürzlich, dass Unternehmen mit hohen Investitionen in unternehmenskritische IT-Systeme diese Investitionen sinnvoll nutzen und ihre Mainframe-, Windows- oder Unix-Systeme von Silos befreien müssen, indem sie sie öffnen und pragmatisch mit dem Rest der Welt verbinden und integrieren.

Die kritischsten IT-Systeme werden oft in der Sprache COBOL geschrieben, die typischerweise auf Großrechnern läuft und die grundlegendsten Prozesse im modernen Geschäftsleben unterstützt. Von Steuer- und Rentensystemen, Zahlungsabwicklung über Logistiküberwachung, Regierungsbüros bis hin zu Versicherungsangeboten bilden diese Kernsysteme wichtiges geistiges Eigentum eines Unternehmens. Es stellt sich also die Frage, wie man diese Systeme möglichst risikolos an moderne Standards anpassen kann.

Strategisches Denken, nicht nur technisches Denken

Unternehmen müssen sich darüber klarwerden, welche Einzelziele sie verfolgen und welche operativen Maßnahmen zu deren Erreichung notwendig sind. Üblicherweise denkt man dabei zunächst an Time to Market, Risikomanagement, Kostenmanagement und Wettbewerbsfähigkeit.

Um ein konkretes Beispiel zu nennen, betrachtete ein Kunde schlicht und einfach diese vier Themen und entschied sich für die Modernisierung seines etablierten, selbstgebauten Systems, weil das den schnellsten, günstigsten und risikoärmsten Weg darstellte. Vor allem aber konnte das Unternehmen seinen Wettbewerbsvorteil durch die Wiederverwendung des derzeitigen (erfolgreichen) IT-Systems behalten. Ein großangelegter Austausch der bestehenden Systeme wurde relativ schnell verworfen, da diese Variante riskant, teuer und ihr Nutzen nicht genau einzuschätzen war.

Ein ganzheitlicher Überblick

Modernisierung bedeutet letztlich IT-Veränderung. Aber Veränderungen lassen sich über eine Reihe von Aspekten hinweg definieren, da sie sowohl den IT-Betrieb als auch das Unternehmen, dem sie dienen, betreffen. Eine vernünftige Modernisierungsstrategie muss sich fragen, was in drei wichtigen technischen Bereichen erreicht werden muss: Erstens, welche Anwendungen, welche neuen Funktionen, welche Integrationen und welche Sicherheits- und Betriebsaktualisierungen erforderlich sind. Zweitens, der Prozess: wie werden Anwendungen erstellt und bereitgestellt, welche internen Methoden wie Waterfall, Agile, DevOps und CI/CD verwendet das Unternehmen derzeit und müssen diese geändert werden?

Schließlich müssen IT-Teams die Infrastruktur berücksichtigen – wo wird eine Anwendung ausgeführt, wer greift von wo auf sie zu und muss das geändert werden? Eine Modernisierungsstrategie, die eng mit einer Domäne verbunden ist, ohne die beiden anderen zu berücksichtigen, wird wahrscheinlich wichtige betriebliche Abhängigkeiten übersehen.

Vorbereitung ist alles

Alle zu treffenden Entscheidungen dürfen ausschließlich faktenbasiert sein. Daher ist eine echte Bestandsaufnahme der aktuellen Geschäftslage Voraussetzung. Ohne diesen Schritt lässt sich keine belastbare Planung ausarbeiten.

Eine Reihe von aufschlussreichen Bewertungstechnologien kann bisher unmögliche Drain-up-Reviews von bestehenden Kerngeschäftssystemen durchführen. Das ermöglicht ein Verständnis davon, wo Werte entstehen, welche Systeme diesen Wert generieren, was die Interdependenzen mit anderen Systemen sind und wo die Risiken und Auswirkungen von Veränderungen bis hinab auf die Codeebene liegen. Die erste Regel der Modernisierung muss daher lauten, nicht zu versuchen, etwas zu modernisieren, was man noch nicht versteht.

Lesen Sie auch: Datenbanken in Zeiten der digitalen Transformation: „Die Zeit ist reif für NoSQL“

Nicht alles, was glänzt, ist Gold

In der IT-Branche gilt meist: „Neu ist immer besser!“ Das stimmt so nicht immer – alt bedeutet nicht automatisch redundant. Innovationen und Neuerungen sind natürlich wichtig, doch sollte man darüber nicht vergessen, dass auch in der Technologie Erfahrung ein hohes Gut ist. Die Kombination von Innovation und zuverlässigen, bewährten Systemen ist entscheidend. Am praktischsten ist es, eine Brücke zwischen dem Alten und dem Neuen zu bauen. Wenn ein IT-System 40 Jahre alt ist, dann bedeutet das auch, dass darin 40 Jahre Erfahrung stecken.

Die entscheidende Leistung ist es, ein solches System zu pflegen und weiterzuverwenden. In fast allen Fällen kann ein bestehendes System relativ einfach angepasst, integriert oder erweitert werden, um eine neue, digitale Schnittstelle zu unterstützen oder neue Aufgaben zu erfüllen.

Wir nutzen auch heute noch Technologien, die in ihren Grundzügen aus dem 19. Jahrhundert stammen – etwa das Auto oder das Telefon. Allerdings wurden sie immer wieder modernisiert und weiterentwickelt. Ähnlich ist auch die Version von COBOL im Jahr 2019 wesentlich weiter entwickelt als ihre Vorgänger. Die Programmiersprache bleibt bei den größten Unternehmen der Welt so zukunftsfähig, zeitgemäß und weit verbreitet wie eh und je.

Auswirkungen auf die Unternehmenskultur

Einer der häufigsten Fehler ist es, Auswirkungen des technologischen Wandels auf die Unternehmenskultur zu übersehen, wenn eine IT-Organisation versucht, sich zu verändern. Rollen ändern sich, Operationen ändern sich, und als Folge davon müssen sich auch die Einstellungen der Unternehmensführung und der Mitarbeiter ändern. Wenn sich neue Arbeitsmethoden, Kooperationen und Erwartungen entwickeln, müssen die Menschen ihre Denkweise ändern. Effektive Führung ist notwendig, um diesen kulturellen Wandel zu unterstützen. Codezeilen lassen sich vergleichsweise schnell umschreiben, doch bis sich die Unternehmenskultur angepasst hat, kann es lange dauern.

Methodisch vorgehen

Methodische und wissenschaftliche Planungsansätze werden bei Ingenieuraufgaben auf der ganzen Welt eingesetzt: Warum sie also nicht in Software-Change-Programmen einsetzen? Im Laufe weniger Jahrzehnte und Tausender Modernisierungsprojekte habe ich gesehen, was eine erfolgreiche Planungs- und Managementdisziplin für die Modernisierung ausmacht, und vieles davon läuft auf eine Checkliste mit den gleichen Kernelementen hinaus. Obwohl zwei Projekte nie genau gleich sind, besitzen viele die gleichen Eigenschaften, und die folgenden Fragen sind immer lohnenswert, um ein Projekt zu strukturieren:

  • Wie werden wir unsere Portfoliobewertung und -analyse des Istzustands durchführen?
  • Müssen wir ganz oder teilweise auf Agile bzw. DevOps umstellen?
  • Was ist die Zukunft dieser Anwendung und wie muss sie sich ändern?
  • Müssen wir bestehende Plattformabhängigkeiten beseitigen?
  • Müssen wir die Anwendungsabhängigkeiten entkoppeln?
  • Müssen wir unsere betrieblichen Prozesse modernisieren?
  • Was sind unsere betrieblichen und architektonischen Anforderungen?
  • Was ist mit den Daten? Welche Modernisierung ist erforderlich?
  • Haben wir Menschen und Kultur vergessen?

Alles auf einen Nenner gebracht

Der erste Schritt für eine Modernisierung ist es, die Vergangenheit zu verstehen. Ohne das Wissen, wie die bestehenden Systeme funktionieren und wie sie sich im Laufe der Zeit entwickelt haben, wird es nicht gelingen, sie zu modernisieren. Nach dieser Bestandsaufnahme sollte die Formulierung einer klaren Strategie erfolgen. Dabei sollte man nicht vergessen, dass ein technologischer Wandel auch von einem kulturellen Wandel begleitet werden muss, wenn die Maßnahmen nachhaltigen Erfolg bringen sollen.

Geschrieben von
Derek Britton
Derek Britton ist Produktverantwortlicher für Application Modernization und Connectivity bei Micro Focus.
Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

avatar
4000
  Subscribe  
Benachrichtige mich zu: