Interview mit Franziska Dessart

Architektur 101: Praktisch, konzentriert und ohne Hype

Hartmut Schlosser

Franziska Dessart

Softwarearchitektur jenseits der Hypes – diesem Mantra haben sich Franziska Dessart, Markus Harrer, Benjamin Wolf und Eberhard Wolff in ihrem W-JAX Workshop Architektur 101: Praktisch, konzentriert und ohne Hype verschrieben. Wir haben vorab Franziska Dessart gefragt, welche Rolle Software-Architekten spielen und welche Architektur-Themen momentan etwas zu kurz kommen.

JAXenter: Die Rolle des Software-Architekten kann verschiedentlich interpretiert werden: Technologieplaner, Change Manager, Chefentwickler, Projektkoordinator, Kommunikator, Kundenberater, etc. Worauf kommt es dir persönlich in deiner Rolle als Software-Architekt an?

Architektur entsteht immer, egal ob Entscheidungen bewusst getroffen werden oder nicht.

Franziska Dessart: Software-Architektur ist das, was entsteht, wenn Software geschaffen wird. Genauso wie etwas bei seiner Herstellung automatisch eine Gestalt (-ung, also ein Design) bekommt. Hierzu braucht es keinen Designer. Architektur entsteht immer, egal ob Entscheidungen bewusst getroffen werden oder nicht. Unabhängig davon, ob ein sogenannter „Architekt“ dazu beigetragen hat oder nicht. Auch die Sandburg meiner Kinder hat sowohl eine Gestalt, als auch eine Architektur.

Idealerweise werden jedoch die meisten Entscheidungen bewusst getroffen und nicht basierend auf Vorlieben oder dem „Bauchgefühl“ Einzelner. Hierzu gilt es, Vor- und Nachteile aller erdenklichen Möglichkeiten zu beleuchten und gegeneinander abzuwägen. Es gibt keine perfekten oder allgemeingültigen Entscheidungen, aber immer die unter den momentanen Bedingungen bestmögliche Variante (die das unter Umständen schon Tage, Wochen oder Monate später nicht mehr sein muss, wenn sich die Rahmenbedingungen ändern).

Dabei spreche ich von Architekturentscheidungen auf allen Ebenen. Von weitreichenden Makroarchitekturentscheidungen (wie z.B. „Datenreplikation immer per Feed“) bis hin zu extrem detaillierten Entscheidungen (etwa Variablen- und Methodennamen bzw. Anzahl und Art ihrer Parameter), sowie allen Schattierungen dazwischen. Mir ist wichtig, dass jeder, der an der Herstellung von Software beteiligt ist, sich jederzeit so gut wie möglich mit seinem Wissen und seinen Fähigkeiten in die Architekturarbeit einbringen kann und dadurch die bestmögliche Architektur entsteht. Die Vorraussetzung dafür ist, dass eine offene und sichere Kommunikationskultur herrscht, die das überhaupt erst ermöglicht.

JAXenter: Welchen Trend in Sachen Software-Architektur findest du momentan besonders spannend?

Franziska Dessart: Mob Programming – hier ist jeder im Team an jeder wichtigen Entscheidung beteiligt und gleichzeitig immer über alles informiert. Ich mache das jetzt schon mehrere Monate erfolgreich bei meinem aktuellen Kunden. Von zuhause, vom Homeoffice aus. Wir nennen das Remote Mob Programming. Wie das funktioniert, haben meine Kollegen Jochen Christ, Simon Harrer und Martin Huber auf remotemobprogramming.org aufgeschrieben. Das funktioniert auch mit Teilzeit und sonstigen Abwesenheiten (Urlaub, Konferenzen, …), ganz ohne lästige Übergaben. Der Mob fängt das auf!

 

Treffen Sie Franziska Dessart auf der W-JAX 2019

Architektur 101 Workshop: Praktisch, konzentriert und ohne Hype

Freitag, 8. November 2019, 09:00 – 17:00, München

Softwarearchitektur trägt wesentlich zum Projekterfolg bei. Dieser Workshop vermittelt jenseits des Hypes das Wichtigste, das notwendig ist, um als Softwarearchitekt*in erfolgreich zu sein. Egal, ob es um die Rolle und das Verhalten von Softwarearchitekt*innen geht oder um Architektursichten und Dokumentation – der Workshop behandelt alle wichtigen Grundlagen. Dabei kommt auch das Handling von nichtfunktionalen Anforderungen bzw. Qualitätszielen nicht zu kurz. Neben Vorträgen gibt es Übungen zum Mitmachen sowie weitere Elemente, die ohne Folien auskommen.

Inhalt & Ablauf

  1. Die Rolle „Software-Architekt“
    •  Konkretes Vorgenen im Projekt
    • Konflikte lösen
    • Entscheidungen treffen
  2. Qualitativ angemessene Systeme schaffen
    • Grundlagen von Qualitätsanforderungen
    • Qualität als Treiber für Softwarearchitektur
    • Nutzen von Qualitätsszenarien
    • Qualitätsziele vs. Architekturansätze
  3. Software entwickeln im Team
    • Unterschiedliche Persönlichkeiten (Design Types)
    • Vorgehensweisen und Prinzipien
    • Zielführend und Lösungs-orientiert diskutieren
    • Gemeinsamer Architekturentwurf in Gruppen
  4. Architektur pragmatisch dokumentieren
    • Sichten auf Software
    • Abstraktionslevel, Ziele, Stakeholder
    • Notationen (z.B. nach ISAQB/arc42, C4-Modell)

Weitere Infos finden Sie im W-JAX Workshop-Programm.

 

Software-Architektur jenseits der Trends

JAXenter: Welches Architekturthema außerhalb der Trends liegt dir besonders am Herzen und sollte deiner Meinung nach mehr Beachtung finden?

Architecture Decision Records sind ein Mittel, das auf effiziente Art und Weise die wichtigsten Architektur-Entscheidungen dokumentiert.

Franziska Dessart: ADRs, also Architecture Decision Records, sind ein Mittel, das auf effiziente Art und Weise die wichtigsten Architekturentscheidungen dokumentiert. Es wird sowohl die Entscheidung selbst explizit dokumentiert, als auch, wie das Team zu dieser gekommen ist. Welche Information zum Zeitpunkt der Entscheidungsfndung zur Verfügung standen und welche Alternativen möglich gewesen wären.

Das hilft dem Team selbst: Entscheidungen werden explizit gemacht, Alternativen beleuchtet, Vor- und Nachteile abgewogen. Gleichzeitig schafft man Transparenz für Stakeholder außerhalb des Teams und erleichtert das Onboarding für neue Kollegen. Das Aufschreiben fördert die strukturierte Herangehensweise an die Entscheidung und gibt allen die Möglichkeit, sich daran zu beteiligen.

JAXenter: Du bist auf der W-JAX im Workshop „Architektur 101: Praktisch, konzentriert und ohne Hype“ aktiv. Dabei soll auch das Handling von nichtfunktionalen Anforderungen nicht zu kurz kommen. Kannst du einmal ein Beispiel ausführen, wie man mit einer nichtfunktionalen Anforderung umgeht?

Franziska Dessart: In meinem aktuellen Projekt spielt Resilienz eine sehr große Rolle. Das System soll funktionieren, auch wenn Probleme auftreten oder umliegende System nicht so arbeiten, wie erwartet. Wir sind hier auch für den Betrieb zuständig und halten uns dieses Ziel in Diskussionen immer wieder vor Augen: „Wir wollen nachts nicht angerufen werden!“ Das hilft, zu priorisieren und insgesamt bessere Entscheidungen zu treffen.

JAXenter: Was ist die Kernbotschaft, die die Teilnehmer des Workshops mitnehmen sollten?

Franziska Dessart: Unser Workshop ist ja in vier Teile gegliedert, die sich jeweils auf unterschiedliche Aspekte von Software-Architektur konzentrieren. Jeder der Teile bringt sicherlich eine eigene Kernbotschaft mit sich. Allen gemeinsam ist aber vermutlich: Am Ende geht es immer irgendwie um Kommunikation, um das Miteinander-Reden, um den Austausch und auch das Festhalten von Informationen. Wenn wir darin gut sind, schaffen wir es auch, eine gute Architektur für unsere Systeme zu erarbeiten.

JAXenter: Vielen Dank für das Interview!

Franziska Dessart ist Senior Consultant bei INNOQ. Ihre Schwerpunkte liegen in der server- und clientseitigen Entwicklung von Webanwendungen im Java-Umfeld und im Bereich Content-Management-Systeme. Tragfähige Architektur und Benutzerfreundlichkeit spielen dabei meist die Hauptrollen.

 

Geschrieben von
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser
Content-Stratege, IT-Redakteur, Storyteller – als Online-Teamlead bei S&S Media ist Hartmut Schlosser immer auf der Suche nach der Geschichte hinter der News. #java #eclipse #devops #machinelearning #seo. Zum Lächeln bringen ihn kreative Aktionen, die den Leser bewegen. @hschlosser
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