„Architekt“ – Stoppt den Begriffsmissbrauch!

Diana Kupfer

Im Wort „Architekt“ verbirgt sich das Kürzel „IT“. Daran kann es allerdings nicht liegen, dass man sich in der Welt der Informationstechnik so gerne mit dieser Berufsbezeichnung dekoriert. Immer häufiger wird der Begriff mehr oder weniger gezielt als Chiffre für Führungspersönlichkeiten oder Experten auf dem Gebiet der Softwareentwicklung eingesetzt. Das Ergebnis ist eine Inflation des Begriffs, die Robert Maclean, seines Zeichens „Technology Architect“, in einem gestern erschienenen Artikel anprangert.

Maclean weist auf die geschützten Bezeichnungen in der südafrikanischen Bauarchitektur-Szene hin. Per Gesetz sei dort geregelt, dass sich Personen nicht willkürlich mit Titeln wie „Professional Architect“ oder „Professional Senior Architectural Technologist“ schmücken dürfen. Im IT-Bereich werde indes viel zu lax mit dem Begriff des Architekten umgegangen, so Maclean. Er kennzeichne nicht nur langjährige Berufs- und Lebenserfahrung oder Seniorität, sondern verkomme immer mehr zu einer Marketing-Vokabel – um einem Kunden beispielsweise mehr Geld für einen Auftrag abzuknöpfen. Nach der Devise: Schließlich war hier ein Architekt am Werk, nicht irgendein Entwickler.

Den Missbrauch dieser Berufsbezeichnung gilt es zu stoppen, mahnt Maclean, sonst beraubt sich die Industrie ihrer eigenen Glaubwürdigkeit. Nur diejenigen, die tatsächlich für die Systemarchitektur verantwortlich sind – und dazu gehören eben eine breite IT-Bildung, einschlägige Erfahrung und entsprechendes Überblickswissen – haben es seiner Ansicht nach verdient, diesen Titel zu tragen. Schließlich würde man einem Klempner, der sich als Elektriker ausgibt, auch nicht zutrauen, ein Rohr zu reparieren – so Macleans Argumentation.

Die Standard-Frage

In Sachen IT-Jobbezeichnungen fehlen also Standards. Aber wäre es nicht utopisch, jeden Titel mit einer Zertifizierung zu schützen? TOGAF, CPSA & Co. in allen Ehren: Eine totale Durchstandardisierung der Job-Klassifizierung  würde vergleichbare Ausbildungswege und ähnliche Tätigkeitsfelder voraussetzen; alternativ die Bereitschaft, ein zusätzliches Lehrprogramm auf sich zu nehmen. Beides erscheint kaum vorstellbar.

Solange Jobbezeichnungen also volatil sind, wird auch das damit verbundene Prestige einem ständigen Wandel unterliegen. So wird die Inflation des Begriffs „Architekt“ letztendlich zu seiner Abwertung führen. Zur Abgrenzung von der Schar weniger erfahrener Entwickler wird er dann untauglich. Das mag man anprangern oder nicht. Sicher ist: Es wird ein neues Etikett an seine Stelle treten. Und vielleicht sogar eines, das nicht in Analogie zu einem honorigen Beruf aus der nicht-digitalen Welt entstanden ist. Das wäre noch dazu ein Zeichen der Emanzipation seitens der IT-Industrie.

Im Übrigen hat sich im Kontext der agilen Softwareentwicklung die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Analogie zum Häusle-bauenden Architekten nicht gerade glücklich gewählt ist: Vorab einen starren Plan zu entwerfen und diesen peu a peu umzusetzen mag bei Gebäuden funktionieren. Bei Softwaresystemen nicht.

 

Geschrieben von
Diana Kupfer
Diana Kupfer
Diana Kupfer war Redakteurin bei S&S Media für die Zeitschriften Java Magazin, Eclipse Magazin und das Portal JAXenter. 
Kommentare
  1. Gernot Starke2013-10-01 13:01:29

    Der iSAQB e.V. arbeitet gerade mit den (Gebäude) Architekten daran, diese Berufsbezeichnung auch für Software-Aufgaben zuzulassen :-)

    Im übrigen bin ich ganz sicher, dass auch in agilen Projekten die Notwendigkeit übergreifender (Architektur-)entscheidungen ergibt... aber a-prio-Planung fast niemals zielführend ist.

    Anmerkung: Ich bin Autor der Kolumne "Knigge für Softwarearchitekten"...

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