Die flinke Feder

Apache OpenOffice: Oh, oh, oh

Bernd Fondermann

Für eines ist Apache bestimmt nicht bekannt: Tolle GUIs und Software für Endnutzer. Fast alle Produkte von Apache sind von Entwicklern für Entwickler oder Administratoren. Wir reden von Servern und Frameworks. Um sie zu nutzen, muss man schon wissen wie man auf seinem Rechner an eine Konsole kommt. Sonst geht gar nichts.

Als ich vor einem Jahr hörte, dass Oracle OpenOffice.org (kurz: OOo), die schamlose Microsoft-Office-Kopie, an Apache überführen würde, konnte ich mich des Gedankens nicht erwehren, dass Oracle damit gleich zwei Widersachern eins auswischen wollte: sowohl Apache als auch der Open-Office-Community.

Bei Apache hat man schon recht früh Erfahrung mit Microsofts Office-Fileformaten gesammelt, also den berühmten .doc, .xls, .ppt und so fort. In den Anfangstagen von Jakarta baute Andrew C. Oliver ein Projekt namens POI [1] auf, um diese Formate in Java lesen und später auch schreiben zu können. Dieses Projekt gibt es heute noch. Welche Meinung er von der Güte der seinerzeit undokumentierten Redmondschen Bitströme hatte, machen die Namen deutlich, die er für seine Implementierungen wählte: Das Modul, das die berühmten *.doc-Files lesen kann, heißt „HWPF“, kurz für „Horrible Word Processing Format“. Ebenso grauenhaft geht’s weiter: „HSSF“ für „Horrible Spreadsheet Format“, während „DDF“ für „Dreadful Drawing Format“ steht [2]. Fairerweise muss man sagen, dass Office-Dateien eine Menge einstecken müssen und damit ganz schön komplex sind: Eingebettete Dokumente, Tabellen, Bilder und sonstige Objekte, Änderungsnachverfolgung. Im Hintergrund ist bei Microsoft das universelle Objekt-„Verschwurbelungs“-Format aus den 90er Jahren am Werke, nämlich OLE2.

Ich kann nicht sagen, dass ich OOo liebe, aber als User über alle Plattformen, sei es Linux, Windows oder MacOS nehme ich auch Textdokumente und Spread Sheets mit. Und da ist OOo universell einsetzbar, ohne für jede Plattform ein anderes passendes Programm suchen zu müssen. OOo hilft also. Insbesondere soll nicht verschwiegen werden, dass alle Flinken Federn in OOo getippt werden.

Außerdem beherrschte OOo früh sowohl das Lesen und Schreiben der MS-Office-Formate, als auch das Exportieren nach PDF. Damit durchbrach es einfach die von Microsoft gewünschte Isolierung, ohne seltsame PDF-Druckertreiber oder ähnliche Umwege benutzen zu müssen.

Doch bei aller Liebe zu OOo, die Überführung nach Apache war mir anfangs nicht geheuer. Apache hat keine Erfahrung mit Software, die für Endanwender gedacht ist. Die Codebasis von OOo ist riesig, wird seit Mitte der 80er Jahre entwickelt und ist dadurch mit noch mehr Erblasten versehen als der Apache-HTTP-Webserver. Die Community hat vermutlich ihre ganz eigene, etablierte Kultur. Die Schnittmenge mit Apache ist klein. Nun denn, Jim Jagielski, seines Zeichens Präsident der ASF und Mitgründer der Foundation führt das Projekt in den Inkubator, also wird schon alles gut werden. Selbst wenn mit LibreOffice [3] ein agiler Fork existiert, der auch einen Großteil der Community auf seine Seite gezogen hat. Und tatsächlich fühlte sich die ASF dieser Tage bemüßigt, eine Pressemitteilung herauszugeben, in der betont wurde, dass bei Apache OOo alles in Ordnung wäre und das Projekt nach Plan in die Foundation integriert werde. Der Inkubator ist nun mal eine ätzende Phase für selbstbewusste Projekte. Alles wird auf den Prüfstand gestellt: Community und Code. Das bremst. Schließlich hat selbst Apache Subversion erst Anfang Oktober das erste volle Apache-Release herausgebracht, obwohl es schon seit Februar dem Inkubator entschlüpft ist und als Projekt ideal zur Foundation passt. Aber im Inkubator gibt es keine Garantie für Erfolg. Ob es OOo wirklich schafft, kann man noch nicht wissen.

Es gibt jedoch auch bei OOo ein Schmankerl für den Apache- und Java-affinen Software-Tüftler. Es nennt sich UNO – „Unified Network Objects“. Ein Computersprachen-unabhängiges Objektmodell für die Office-Dokumenten-Welt, komplett zugänglich via API. Der Kern von OOo ist also auch eine Anwendungsplattform. Damit lassen sich Konvertierungen programmatisch durchführen, Suchen-und-Ersetzen-Vorgänge in Batches auslagern oder „Drawing“-Illustrationen aus Java heraus erstellen. UNO scheint recht gut dokumentiert zu sein, inklusive Beispielcode und Sprach-Bindings [4].

Apache ist die Heimat der Server. Auch jede OpenOffice-Installation lässt sich – Überraschung! – ebenfalls im Servermodus starten:

soffice "-accept=socket,host=localhost,port=8100;urp;StarOffice.ServiceManager" -norestore -nofirststartwizard -nologo -headless & 

Also. Geht doch. Willkommen zuhause, OOo!

Bernd Fondermann (bernd@zillion-one.com) ist freiberuflicher Softwarearchitekt und Consultant in Frankfurt a. M. und Member der Apache Software Foundation. Er beschäftigt sich mit innovativen Open-Source-Technologien wie Apache Hadoop oder Lucene und bietet unter zillion-one.com einen Big Data Hosting Service an.
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