Eine Win-Win-Situation?

NetBeans-Umzug zu Apache: „Philosophisch war NetBeans schon immer ein Apache-Projekt“

Dominik Mohilo

© Shutterstock.com / Raywoo

Die NetBeans-Community diskutiert nach wie vor, ob Oracles Entscheidung, NetBeans an die Apache Foundation zu übergeben, die richtige ist. Ein Zurück gibt es allerdings nun nicht mehr: die Entwicklungsumgebung befindet sich seit 1. Oktober im Inkubator der Apache Foundation. Nun hat sich auch Geertjan Wielenga, Produktmanager von NetBeans, zu diesem Schritt geäußert und klar formuliert, was er über die aktuelle Situation denkt…

Die Neuigkeit, dass NetBeans einen Umzug zur Apache Foundation antritt, war auf der diesjährigen JavaOne bereits „old news“. Die Ankündigung dieser Pläne ging der Konferenz voraus, sodass die Sache bereits vor der offiziellen Oracle-Zusammenkunft im Netz ordentlich hochgekocht wurde. Dabei wurden auch Befürchtungen laut, NetBeans könne sogar das gleiche Schicksal treffen wie OpenOffice oder Hudson.

Die Mitglieder des NetBeans Dream Teams sind allerdings optimistisch: Oracle habe umfangreiche Hilfestellungen in Form von Entwicklern mit großem Wissen um die IDE zugesichert. Zudem sei NetBeans kein Projekt, das durch einen bereits existierenden Community-Fork bedroht würde, sagte Markus Eisele. Die ganze Aktion sei nicht mit Hudson und Jenkins vergleichbar, und man müsse abwarten, wie sehr Oracle hinter dem Projekt in der kommenden Zeit stehen würde.

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Während andere Mitglieder des Dream Teams, etwa John Kostaras, den Schritt von Oracle für eine „großartige Idee“ halten, der die „innovative Arbeit an NetBeans stark vorantreiben“ wird, sind andere skeptischer: Andreas Stefik meint, dass die Zukunft der Entwicklungsumgebung auch von Oracles Engagement abhängig ist.

Der Umzug als logische Konsequenz

In einem aktuellen Blog-Posting hat sich Geertjan Wielenga, Produktmanager der Oracle Developer Tools Group, nun ebenfalls zu Wort gemeldet. NetBeans sei schon immer mehr gewesen als nur ein weiteres Tool irgendeiner kommerziellen Entität. Er nennt es eine Plattform für Innovation und Kollaboration.

It was always the case that with NetBeans we were trying to do something bigger than serve the interests of a specific commercial entity—NetBeans has always been a platform for innovation and sharing. It’s always been free and open source and it has always focused on enabling software developers all over the world to simply get started quickly and easily with Java, primarily, and over the years with other languages and technologies too.

Die Tatsache, dass NetBeans schon immer Open Source und kostenfrei verfügbar war, ist für ihn auch Beleg dafür, dass NetBeans eigentlich schon immer ein Apache-Projekt war – jedenfalls, wenn man es rein philosophisch betrachtet. Kommerzielle Interessen seien, so Wielenga, nie Teil der NetBeans-DNA gewesen, und es wäre immer in erster Linie um die Personen, also die einzelnen Entwickler gegangen.

Philosophie und Struktur vereinen

In seinem Artikel beschreibt Wielenga außerdem, wie die Aufschreie aus der Community nach paritätischer und direkter Mitbestimmung immer lauter wurden. NetBeans wurde also, so sein Fazit, bereits seit einiger Zeit von der Community als etwas angesehen, das wie ein Apache-Projekt funktionieren sollte.

Philosophisch betrachtet war NetBeans schon immer ein Apache-Projekt

Trotz aller Hürden, die der kommerzielle Sponsor, wie er Oracle und ehemals Sun nennt, der Community in den Weg gelegt hat, ist NetBeans mit einer aktiven und enthusiastischen weltweiten Gemeinschaft von Entwicklern gesegnet: Es gibt Mailing-Listen, Foren, das Dream Team natürlich und monatlich stattfindende Events. Auch im Industrie- und Lehrsektor erfreut sich NetBeans großer Beliebtheit und weiter Verbreitung. Nicht zu vergessen die zahllosen kostenlosen Tools und Technologien, die aus der Arbeit der NetBeans-Gemeinschaft hervorgegangen sind.

Kein Wunder also, dass die Community sich einen Umzug nach Apache geradezu herbeisehnen sollte, oder? Jedenfalls zielt darauf die Argumentation des NetBeans-Produktmanagers ab: Wenn NetBeans bereits seit Jahren wie ein Apache-Projekt funktioniert und betrieben wird, warum dann nicht den letzten Schritt auch noch gehen? Dieser ist nun mit dem Umzug zur Apache Foundation in die Wege geleitet: Die Community soll so endlich stärker in das Projekt, respektive die Roadmap und Governance, eingebunden werden.

Auf zu Apache

Das Proposal von Oracle wurde von der Apache Foundation jedenfalls zwischenzeitlich angenommen, NetBeans befindet sich aktuell im Inkubator. Bertrand Delacretaz hieß das zukünftige NetBeans-Team bei „Apache Netbeans (incubating)“ willkommen. Bis die IDE allerdings als Top-Level-Projekt verfügbar sein wird, wird noch ein wenig Zeit ins Land gehen:

Many things need to happen before NetBeans graduates and becomes a Top Level Project. The hurdles to cross have been examined on all sides and none seem unsolvable. There’s a long journey ahead (many months at least).

Doch wenn diese Monate schließlich vergangen und die Hürden genommen sind, dürfte die Philosophie, die NetBeans zugrunde liegt, endlich auch der organisatorischen Struktur entsprechen. Manchmal, so Wielenga, gebe es Win-Win-Situationen in der Welt, und dies sei mit Sicherheit eine davon. Ob das der Fall ist, wird sich bald zeigen.

Geertjan WielengaGeertjan Wielenga ist Product Manager der NetBeans IDE und lebt in Amsterdam. Er ist enthusiastischer Java-Nutzer, Evangelist, Trainer, Sprecher und Autor über Java, NetBeans und verwandte Themen.
 
 

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Dominik Mohilo
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo studierte Germanistik und Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt. Seit 2015 ist er Redakteur bei S&S-Media.
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1 Kommentar auf "NetBeans-Umzug zu Apache: „Philosophisch war NetBeans schon immer ein Apache-Projekt“"

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Alistair Bitchy
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Phylosophisch betrachtet war NetBeans/Java schon immer die etwas minderwertigere, aber dafür freibierigste Alternative zu Pointern.