Wearables

Anziehend: Android Wear

Lars Röwekamp, Arne Limburg

©Shutterstock/LDprod

Für viele überraschend, hat Google mit Android Wear im März eine völlig neue Spielwiese betreten: Tragbare Devices aka Wearables. Zwar sind einige der neu vorgestellten Konzepte bereits aus den Anfängen der hauseigenen Wunderbrille bekannt, doch scheint Google – anders als beim Projekt Glass – mit Android Wear und dem zugehörigen SDK deutlich konkretere Ziele zu verfolgen. Erste Geräte von verschiedensten Herstellern sollen bereits diesen Sommer am Markt erscheinen.

Tragbare Geräte (neudeutsch Wearables) wie Smartwatches oder Fitnessarmbänder sind unbestreitbare Wachstumsmärkte. Als eine Art verlängerter Arm klassischer Devices sollen sie künftig für eine völlig neue User Experience sorgen. Anstatt permanent das Handy aus der Tasche holen zu müssen, reicht demnächst ein beiläufiger Blick auf die neue Designeruhr, um zu sehen, wer gerade angerufen oder eine Nachricht geschickt hat. Und auch der aktuelle Kalorienverbrauch oder die Entfernung zu einem angepeilten Zielort inklusive der dort vorherrschenden Wetterbedingungen lassen sich mit einem kurzen Blick prüfen.

Bühne frei

Soweit eigentlich nichts Besonderes, haben doch bereits einige andere Firmen wie Sony oder Samsung proprietäre Lösungen am Start. Interessant ist allerdings, dass mit Google Wear nun zum ersten Mal kein Hardwarehersteller, sondern ein Gigant aus der Softwarebranche die Bühne betritt. Dass dieses Konzept aufzugehen scheint, zeigt die bereits in der Preview-Phase von Android Wear beachtliche Liste von Deviceherstellern [1].

Alles bleibt anders

Ein erster Blick in das seit März verfügbare Android Wear Preview SDK [2] zeigt bereits den ersten Clou: Sobald ein Android Device mit einem Android Weareable verbunden ist, werden alle Notifications automatisch zwischen den Devices ausgetauscht, also automatisch als Card im Wearable Context Stream dargestellt. Anders formuliert bedarf es keiner einzigen Zeile Code, um Teile der eigenen Android-App auch im Zusammenspiel mit einem Android Wearable zu nutzen! Somit ist von Anfang an für ausreichend Content gesorgt.

Wie aber kann man das SDK bzw. die darin angebotenen APIs aktiv nutzen, um mit der eigenen App die Konzepte der Wearbles bestmöglich zu unterstützen? Und was unterscheidet eigentlich eine „Wearable-App“ von einer normalen Android-App?

Weniger ist mehr

Parallel mit der neuen Form von Devices stellt Google ein völlig neues UI-Konzept vor. Im Grunde genommen besteht ein klassisches Wearable-UI lediglich aus zwei Bereichen: Suggest und Demand.

Im Bereich Suggest werden dem Anwender innerhalb seines Context Streams so genannte Cards mit kontextbezogenen Meldungen und Informationen angezeigt. Eine Card ist dabei nichts anderes als eine normale oder speziell für Wearables aufbereitete Notification einer beliebigen Android-App. Mit einfachen Swipe-Bewegungen kann der User zwischen den Cards der verschiedenen Anwendungen wechseln oder aber zu den Detailinformationen einer bestimmten Card springen. Neben einer Kurzinfo auf der Card selbst können auf zugehörigen Pages zusätzliche Details zu der Kurzinfo hinterlegt werden. So könnte z. B. auf der eigentlich Card ein Treffpunkt inklusive Zeitpunkt eines Treffens stehen und auf einer zusätzlichen Page eine Liste von Dingen, die man zu dem Treffen mitbringen sollte.

Theoretisch ist es möglich, eine beliebige Anzahl von Pages zu seiner Card hinzuzufügen. Aus Sicht einer möglichst guten UX sollte die Anzahl aber so klein wie möglich gehalten werden. Prioritäten und der aktuelle Kontext sorgen dafür, dass der User nicht von einer Unzahl von Cards erschlagen wird, sondern immer gezielt auf die aktuell wichtigsten Informationen Zugriff erhält. Möchte man dem User die Möglichkeit geben, auf eine Card bzw. dessen Inhalt zu reagieren, können zusätzlich bis zu drei Actions oder ein Voice Reply mit max. fünf Antwortmöglichkeiten hinterlegt werden. Während eine Action – wie die Bestätigung eines Treffens – durch ein Touch-Event ausgelöst wird, erwartet ein Voice Reply eine der vorgegebenen Antworten bzw. die Vervollständigung des Antworttemplates via Stimmeingabe.

Für die Fälle, in denen die eben skizzierten Möglichkeiten des Context Streams nicht ausreichen, um die aktuellen Wünsche des User zu erfüllen, steht mit der so genannten Cue Card ein weiterer Bereich (Demand) zur Verfügung. Hier wird eine Auswahl von vorgegebenen Actions angezeigt, die der User auf Wunsch via Voice oder Touch triggern kann. Dank SDK erhält der Entwickler zusätzlich die Möglichkeit, die eigene App für bestehende Actions zu registrieren oder eigene Actions zu hinterlegen.

Der Praxis-Check

Wie bereits oben erwähnt, können einfache Benachrichtigungen inklusive Actions auf Wearables bereits durch einfache Android-Bordmittel angezeigt werden. Voraussetzung ist lediglich die Support Library v4 zur abwärtskompatiblen Verwendung des Notification Builders [3].

Richtig interessant wird es allerdings, wenn zusätzlich die neue Android Wearable Preview Support Library zum Einsatz kommt. Mit ihrer Hilfe können zum Beispiel zusätzliche Pages zu einer Card hinzugefügt werden. Listing 1 zeigt einen Ausschnitt aus der offiziellen Google-Preview-Dokumentation, in dem eine Card plus zusätzliche Pages erzeugt wird.

 

Listing 1: Card mit zusätzlicher Page
// Create builder for the main notification
NotificationCompat.Builder notificationBuilder =
new NotificationCompat.Builder(this)
.setSmallIcon(R.drawable.new_message)
.setContentTitle("Page 1")
.setContentText("Short message")
.setContentIntent(viewPendingIntent);
// Create a big text style for the second page
BigTextStyle secondPageStyle = new NotificationCompat.BigTextStyle();
secondPageStyle.setBigContentTitle("Page 2")
.bigText("A lot of text...");
// Create second page notification
Notification secondPageNotification =
new NotificationCompat.Builder(this)
.setStyle(secondPageStyle)
.build();
// Create main notification and add the second page
Notification twoPageNotification =
new WearableNotifications.Builder(notificationBuilder)
.addPage(secondPageNotification)
.build();
Ende

 

Genauso einfach wie das Anzeigen von Informationen ist auch die Entgegenname von Antworten des Users. Listing 2 zeigt eine einfache Card, die ein Voice Reply („yes“ oder „no“) des Users erwartet, wobei die möglichen Antworten aus einer String-Array-Ressource herangezogen werden.

 

Listing 2: Card mit Standard-Action via Voice reply
// Read possible replies from array
String replyLabel = getResources().getString(R.string.reply_label);
String[] replyChoices = getResources().getStringArray(R.array.reply_choices);
// Create pending intent and notification for reply action
...
// Create the remote input
RemoteInput remoteInput = new RemoteInput.Builder(EXTRA_VOICE_REPLY)
.setLabel(replyLabel)
.setChoices(replyChoices)
.build();
// Create wearable notification and add remote input
Notification replyNotification =
new WearableNotifications.Builder(notoficationBuilder)
.addRemoteInputForContentIntent(remoteInput)
.build();
Ende

Fazit

Mit Google Wear ist dem Erfinder von Android ein wirklich überraschender Coup gelungen. Während alle Blicke gespannt auf Google Glass gerichtet sind, ein Projekt bei dem man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass Google selbst nicht genau weiß, in welche Richtung es einmal gehen soll, wurde parallel ganz still und heimlich ein wirklich brauchbares SDK für „tragbare Devices“ aus der Taufe gehoben.

Interessant ist dabei vor allem, dass Google nicht nur ein reines SDK an die bestehende Entwicklercommunity verteilt, sondern von Anfang an auch sehr viel Wert auf die Einhaltung von speziell für Wearables entwickelte UI-Konzepte und Designprinzipen [2] legt. Es scheint, dass man aus den Fehlern anderer Early Adopter Rückschlüsse gezogen und überlegt hat, wie ein wirklicher Mehrwert aus der Kombination Handheld und Wearable geschaffen werden kann.

Alle bisher gezeigten Prototypen und Beispiel-Apps zielen klar auf den Markt der Smartwatches ab. Das von Google entwickelte Konzept ist aber auch auf viele andere „tragbare“ Szenarien übertragbar. Es kommt nicht von ungefähr, dass das Android Wear SDK gar nicht einmal so weit von den ersten Gehversuchen des Google-Glass-Projekts entfernt ist. Bleibt abzuwarten, was uns in Zukunft in Bereich der Wearables noch alles erwartet.

Aufmacherbild: Man with Mobile phone connected to a smart watch von Shutterstock / Urheberrecht: LDprod

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Geschrieben von
Lars Röwekamp
Lars Röwekamp
Lars Röwekamp ist Gründer des IT-Beratungs- und Entwicklungsunternehmens open knowledge GmbH, beschäftigt sich im Rahmen seiner Tätigkeit als „CIO New Technologies“ mit der eingehenden Analyse und Bewertung neuer Software- und Technologietrends. Ein besonderer Schwerpunkt seiner Arbeit liegt derzeit in den Bereichen Enterprise und Mobile Computing, wobei neben Design- und Architekturfragen insbesondere die Real-Life-Aspekte im Fokus seiner Betrachtung stehen. Lars Röwekamp, Autor mehrerer Fachartikel und -bücher, beschäftigt sich seit der Geburtsstunde von Java mit dieser Programmiersprache, wobei er einen Großteil seiner praktischen Erfahrungen im Rahmen großer internationaler Projekte sammeln konnte.
Arne Limburg
Arne Limburg
Arne Limburg ist Softwarearchitekt bei der open knowledge GmbH in Oldenburg. Er verfügt über langjährige Erfahrung als Entwickler, Architekt und Consultant im Java-Umfeld und ist auch seit der ersten Stunde im Android-Umfeld aktiv.
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