Knigge für Software-Architekten

Anti-Muster: Der Notationskrieger

Peter Hruschka und Gernot Starke

Willkommen in der neunten Ausgabe unserer Kolumne rund um Verhaltensmuster von Softwarearchitekten.

Der Notationskrieger

Ein bekanntes Prinzip der Bauhausarchitekten lautet: Form follows Function. Dieses Prinzip wird vom Notationskrieger ins Gegenteil verkehrt: Form steht im Mittelpunkt und besitzt höhere Priorität als Inhalt: Notation zum Selbstzweck. Die Standardisierung von Notationen wie z. B. der Unified Modeling Language (UML) ist für die IT-Welt sicherlich ähnlich segensreich wie die Festlegung von Symbolen in der Elektrotechnik vor vielen Jahren. Sie ermöglicht weltweiten Austausch von Dokumenten, deren Inhalt alle (dieser standardisierten Notation kundigen) Leser gleichartig interpretieren können. Manchmal wird jedoch Notation zum Selbstzweck.

Prinzipienreiter

Wir möchten Ihnen heute die (leider noch nicht ausgestorbene) Spezies des Notationskriegers vorstellen. Es handelt sich dabei um eine im mittleren Management auftretende, bipedale humanoide Lebensform, die sowohl vom Erbsenzähler als auch vom Prinzipienreiter (lat. Equester principiae) abstammt. Kompromisse sind dem Notationskrieger ein Dorn im Auge. Vorschriften, Regeln und Normen sind für ihn gesetzesgleich. Die maskuline Form haben wir hier übrigens mit Absicht gewählt. Kennen Sie feminine Notationskriegerinnen? Wir nämlich nicht! Er hält sich sklavisch an Vorschriften und weiß, auf welcher Seite im UML-Buch die erlaubten Symbole stehen. Er kämpft für die Einhaltung dieser Vorschriften und behauptet, noch nie im Leben falsch geparkt zu haben. Drücken Sie so einem Prinzipienreiter doch mal das pragmatische Buch von Scott Ambler in die Hand [1]!

Credo des Notationskriegers: Form schafft Qualität

Der folgende Monolog soll (Gerüchten zufolge) schon mal in Projekten zu hören sein:

Stören Sie mich nicht mit den lästigen Fragen zum Inhalt. Bringen Sie lieber Ihre Dokumente zunächst in eine vernünftige Form, denn Sie wissen doch: Erst die Form bringt die Ordnung! Bevor ich Ihnen die Freigabe für die nächste Projektphase erteile, müssen Sie alle Diagramme im Layout, in Fontwahl und in der Buchstabengröße anpassen, wie es der Firmenstandard vorschreibt.

Auch wir lieben sauber aufbereitete und lesbare, verständliche Dokumente. Aber sie dürfen gerne auch Fotografien von Flipcharts oder von Brainstormings an Tafeln enthalten. Verwenden Sie doch die Bilder, die Sie auch als „Information Radiators“ [2] an die Wand hängen würden. Diese sind manchmal sogar wertvoller, weil sich alle Beteiligten an die Entstehungsgeschichte erinnern, wohingegen die im stillen Kämmerlein mit einem Tool sauber erstellten Diagramme nicht mehr so leicht wiederzuerkennen sind.

Verständlichkeit hat Priorität

Im Gegensatz zum Notationskrieger empfehlen wir Ihnen, die Verständlichkeit mit oberster Priorität zu behandeln. Egal in welcher Notation oder Syntax Sie Informationen kommunizieren – Ihre Leser oder Zuhörer müssen sie verstehen. Standardisierte Strukturen helfen dabei, ebenso können Standards wie UML unterstützen. Viel wichtiger finden wir allerdings, dass Sie als Autor Ihre Leser „abholen“ – in welcher Notation auch immer. Eine gute Quelle dazu ist [3].

Fazit

Nutzen Sie Notationsstandards, wozu sie gemacht sind: zur Erleichterung der Kommunikation unter den Beteiligten. Handgemalte Diagramme mit entspannter Auslegung der Syntax sind durchaus in Ordnung. Wenn Sie eigene Symbole, Farbcodes oder selbsterfundene Stereotypen verwenden, dann ergänzen Sie Ihre Diagramme bitte mit einer Legende. Diese pragmatischen Vorschläge sollen jedoch kein Freibrief für „schlampige“ Architekturdokumentation sein, sondern nur dafür sorgen, dass der Inhalt immer noch wichtiger ist als die Form – wenn die Form von allen Beteiligten problemlos verstanden werden kann.

Peter Hruschka und Gernot Starke haben vor einigen Jahren www.arc42.de ins Leben gerufen, das freie Portal für Softwarearchitekten. Sie sind Gründungsmitglieder des International Software Architecture Qualification Board (www.iSAQB.org) sowie Autoren mehrerer Bücher rund um Softwarearchitektur, Softwareentwurf und Entwicklungsprozesse. Mehr finden Sie unter www.systemsguild.com (Peter) und www.gernotstarke.de (Gernot).
Geschrieben von
Peter Hruschka und Gernot Starke
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