Wie lassen sich beide Systeme einordnen?

Android versus Chrome OS

Kay Glahn

Neben dem Android-Betriebssystem hat Google mit dem Chrome OS ein weiteres Eisen im Feuer. Bisher war nicht wirklich klar, wie dieses System positioniert werden soll und ob es mit Android in Konkurrenz steht oder dieses ergänzt. Selbst von Google hört man hierzu unterschiedliche Aussagen. Doch wie lassen sich die beiden Systeme tatsächlich einordnen?

Nachdem bisher der Fokus allein auf der Android-Plattform lag, versucht Google zurzeit mit Chrome OS auch den Netbook Markt aufzumischen. Bereits im Dezember letzten Jahres hat Google einen Chromebook-Prototypen mit der Bezeichnung Cr-48 vorgestellt, der aber zunächst nur für Entwickler und Tester zur Verfügung stand. Seit Juni sind nun auch die kommerziellen Chromebook-Geräte von Samsung und Acer verfügbar, die bereits im Mai diesen Jahres im Rahmen der Google I/O-Konferenz angekündigt wurden. Die Geräte sind jeweils in reinen W-LAN Version oder zusätzlich mit 3G-Unterstützung verfügbar. Das Samsung Chromebook hat ein 12,1 Zoll Display mit einer Auflösung von 1280×800 und das Acer Chromebook ist mit einem ein 11,6 Zoll Display ausgestattet. Beide Geräte verfügen über eine HD Webcam und zwei USB 2.0 Anschlüsse. Während das Samsung Gerät mit einem Mini-VGA Ausgang ausgestattet ist, so verfügt die Version von Acer über einen vollwertigen HDMI Ausgang. In Deutschland ist das Samsung Chromebook mit der Bezeichnug XE500C21 (Serie 5), das mit einem Intel Atom N570 Prozessor mit 1,6GHz, 2GB RAM sowie einer 16GB SSD ausgestattet ist, bereits für 399,00 Euro bei Amazon zu haben. Die 3G Version schlägt mit 449,00 Euro zu Buche.

Abb. 1: Samsung bring mit dem Serie 5 eines der ersten Chromebooks auf den deutschen Markt (Quelle: Samsung).
Vom Netbook zum Tablet?

Android hat inzwischen eine wichtige Position im Smartphone-Markt eingenommen, und Tablets sind zum neuen Objekt der Begierde geworden, die auf der Wunschliste vieler Leute Netbooks und leichte Notebooks ersetzen. Als Chrome OS von Google angekündigt wurde, hat der Tablet-Markt noch so gut wie nicht existiert und man hat deshalb den Fokus auf Netbooks und Desktoprechner gesetzt. Google wird deshalb nicht darum herumkommen, seine Strategie aktuellen Markttrends anzupassen.

Aus technischer Sicht handelt es sich bei Android und Chrome OS – obwohl die Systeme einige wichtige Gemeinsamkeiten haben – um zwei grundlegend verschiedene Ansätze. Während Google mit Android den klassischen Smartphone-Ansatz verfolgt, bei dem Applikationen lokal installiert werden und zumindest ein Großteil der Daten auch lokal gespeichert werden, ist der Ansatz von Chrome OS komplett Cloud-basiert. Es besteht im Wesentlichen aus dem gleichnamigen Webbrowser, den Google bereits für Windows, Linux und Mac OS bereitstellt und der inzwischen einen Marktanteil von knapp 10 Prozent im Desktop-Browsersegment hat. Der große Unterschied ist allerdings, dass bei Chrome OS kein zusätzliches Betriebssystem erforderlich ist, sondern ein minimalistischer Linux-Kernel, der innerhalb weniger Sekunden bootet, und dass es als einzige Applikation den Chrome-Browser bereitstellt. Google hat die Open-Source-Variante von Chrome OS im November 2009 im Rahmen des Chromium-Projekts veröffentlicht.

Cloud im Mittelpunkt

Alle anderen Applikationen nutzt der Anwender in Form von Cloud-Diensten über den Webbrowser. Dies setzt natürlich voraus, dass das Gerät, auf dem Chrome OS läuft, über eine permanente Internetverbindung verfügt. Obwohl sich über den Chrome Web Store auch lokale Webanwendungen installieren lassen, plant Google, den Fokus bei diesem System auf Webdienste zu setzen, bei denen keine Applikationen installiert und auch keine Daten lokal gespeichert werden. Alle persönlichen Informationen, inklusive der Einstellungen und Präferenzen, sollen, wenn es nach Google geht, in der Cloud abgelegt werden. Hierdurch muss sich der Nutzer nicht mehr um Viren oder andere Bedrohungen seiner Clients sorgen, da sowieso all seine Daten im Netz abgelegt sind. Dieser Ansatz erlaubt es außerdem, dass ein Nutzer problemlos von einem Chrome-OS-Gerät zu einem anderen wechseln kann, ohne einen Unterschied zu bemerken, denn seine Daten, Einstellungen und Anwendungen sind ja über die Cloud jederzeit verfügbar. Beim Verlust eines Geräts wäre es lediglich erforderlich, sein Passwort zu ändern. Viele Nutzer stehen allerdings dem Gedanken, dass sie all ihre persönlichen Daten auf Google-Servern, anstatt auf ihrem eigenen PC ablegen, noch skeptisch gegenüber. Cloud-basierten Diensten wie Gmail, Google Docs oder Microsofts Office 365 Suite sollen bei Chrome OS über den Chrome Web Store bereitgestellt werden, der das Pendant zum Android Market darstellt. Bei Android hingegen wird ein Großteil der Anwendungen lokal installiert und benötigt keine ständige Internetverbindung. Gartner Analyst Michael Gartenberg ist der Meinung, dass selbst wenn Google den Netbook Hype verpasst hat, man dennoch mit seiner Vorstellung einer rein webbasierten Zukunft seiner Zeit voraus sei.

Abb. 2: Der Webbrowser als zentrale Komponente von Chrome OS (Quelle: Samsung).
Tastatur versus Touch?

Doch wie will Google nun diese beiden unterschiedlichen Ansätze im Markt platzieren? Googles ehemaliger CEO Eric Schmidt hat sich in der Vergangenheit noch nicht konkret festlegen, welches der beiden Systeme für welchen Zweck eingesetzt werden soll. Er hat allerdings geäußert, dass Chrome OS für tastaturbasierte Lösungen, die dem traditionellen PC entsprechen, gedacht seien und dass Android für Geräte optimiert sei, die in irgendeiner Form Touch-basiert sind. Googles Vice President of Engineering Linus Upson hingegen hat angedeutet, dass sich Chrome OS in Zukunft auch auf weitere Geräteklassen wie Handheld-Geräte, Tablets und TV-Geräte ausbreiten könnte. Aktuelle Änderungen im Source Code von Chrome OS weisen zudem klar darauf hin, dass das System bereits für den Einsatz auf Tablets fit gemacht wird.

Google-Mitgründer Sergey Brin ist der Meinung, dass Android und Chrome OS eines Tages zu einem einzigen System verschmelzen könnten. Doch dafür scheint die Zeit im Moment noch nicht reif zu sein, denn der Fokus liegt zurzeit ganz klar auf Netbooks. Eine zukünftige Verschmelzung der beiden Projekte Android und Chrome OS würde allerdings durch das von beiden als Basis verwendete Linux-System und die WebKit Browser Engine erleichtert. Chrome OS und Android werden allerdings von zwei getrennten Teams bei Google entwickelt und haben eine ganz unterschiedliche Vorgeschichte. Während Chrome OS auf Portage von Gentoo basiert und ein spezielles Overlay namens Chromium OS Portage Overlay verwendet, wurde Android vollständig von Entwicklern bei der Firma Android Inc. entwickelt, die erst später von Google übernommen wurde. Auf der diesjährien Google I/O-Konferenz betonten die Projektleiter von Android und Chrome, Andy Rubin und Sundar Pichai, immer wieder in diversen Keynotes und Pressekonferenzen, dass die beiden Systeme nicht miteinander konkurrieren. Sergey Brin ließ im selben Zusammenhang verlauten, dass viele Firmen gerne mit dem Problem zu kämpfen hätten, gleich zwei erfolgsversprechende Betriebssysteme zu besitzen.

Die langfristige Strategie bezüglich der Koexistenz der beiden Teams scheint jedoch mehr als fraglich. Zurzeit scheint dieser Ansatz für Google durchaus von Vorteil zu sein, denn man kann die besten Ideen von jedem Projekt auswählen und einen gewissen internen Wettkampf dazu nutzen, neue innovative Betriebssystemtechnologien zu entwickeln. Dies ist natürlich nur in einem beschränkten Rahmen möglich, da zahlreiche externe Hersteller und Entwickler von den Projekten abhängig sind und eine gewisse Planungssicherheit von Google verlangen.

Aus Entwicklersicht sprechen die beiden Plattformen auch verschiedene Gruppen von Entwicklern an. Während Android vor allem bei Java-Entwicklern sehr beliebt ist, liegt Chrome OS vor allem im Fokus von Webentwicklern, die mit Technologien wie HTML5, CSS 3, JavaScript und Flash vertraut sind. Die meisten Chrome-OS-Applikationen werden sich auch auf Android ausführen lassen. Umgekehrt ist es allerdings nicht möglich, Android-Applikationen auf Chrome OS auszuführen.

Fazit

Google arbeitet im Moment an zwei verschiedenen Open-Source-Betriebssystemen, mit denen man zum einen das Smartphone- und Tablet-Segment und zum anderen das PC- und Netbook Segment revolutionieren möchte. Während man mit Ersterem bereits auf gutem Wege ist, wird sich bei Chrome OS erst zeigen müssen, ob sich das Konzept des reinen browserbasierten Betriebssystems langfristig durchsetzen kann. Letztendlich ist Chrome OS allerdings aus Anwendersicht nichts anderes als eine abgespeckte Version von Android, die auf alle Applikationen außer den Browser und den Mediaplayer verzichtet. Bei Googles TV-Plattform kommt nicht Chrome OS, sondern Android mit einem integrierten Chrome-Webbrowser zum Einsatz, was bereits eine Verschmelzung von Android und Chrome OS anzudeuten scheint. Nachdem Samsung und Acer den Anfang gemacht haben werden vermutlich weitere Produkte in den nächsten Monaten zeigen, wer sich beim internen Wettbewerb der Google-Teams besser positionieren kann.

Kay Glahn ist unabhängiger IT-Berater mit den Schwerpunkten mobile Applications und Services. Er berät internationale Kunden bei der Umsetzung von Projekten im Mobile-Bereich.
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Kay Glahn
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