Analysis, Algebra, Assembler? Wie (wenig) praxistauglich das IT-Studium ist

Hartmut Schlosser
© shutterstock.com/Orla

Als ich Mitte der 90er mein Informatik-Studium in einer schwäbischen Kleinstadt antrat, freute ich mich darauf, endlich in die Praxis der professionellen Softwareentwicklung eingewiesen zu werden. Was dann kam, fand ich allerdings etwas seltsam: Analysis I, Lineare Algebra I und zur Einführung ins Programmieren: Scheme.

„Da muss man halt durch“, war die allgemeine Stimmung, wie ich mich erinnere. Doch spätestens als im dritten Semester – nach Analysis II, Lineare Algebra II, Scheme II  – die Einführung in Assembler hinzukam, fragte nicht nur ich mich, ob die spätere Jobpraxis tatsächlich aus mathematischen Beweisführungen und dem Manipulieren von Hexadezimal-Codes bestehen würde.

Die Kluft zwischen Theorie und Praxis

Wie viel das Studium mit dem zu tun hat, was man später im Berufsleben wirklich benötigt, ist eine leidige Frage. Doch scheinen IT-Studiengänge anfällig zu sein, die Vermittlung theoretischer Grundlagen dem Praxisbezug vorzuziehen. Jedenfalls war das meine Erfahrung in den Neunzigern.

Wie Sie das IT-Studium im Verhältnis zu den späteren Anforderungen im Beruf einschätzen, haben wir Sie in einem Quickvote gefragt. Im Ergebnis zeigt sich eine ziemlich genaue Zweiteilung:

IT-Studium in der Praxis

Rund die Hälfte von Ihnen findet, das Studium habe Sie gut auf den Beruf vorbereitet oder Ihnen zumindest das nötige Rüstzeug mitgegeben, um sich alles weitere anzueignen. Die andere Hälfte vermisste wesentliche, praxisrelevante Inhalte oder meint gar, das IT-Studium habe ihnen nicht wirklich viel geholfen.

Welche Dinge sind es nun aber, die im Job als IT-Fachkraft gebraucht werden, im Studium aber nicht – oder nur am Rande – vorkommen?

Was im Studium fehlt

Im Beitrag „Was im Studium fehlt – und trotzdem wichtig ist!“ hatten wir einige Punkte aufgezählt, die nur selten während der Studienzeit vermittelt werden:

  • Die Dokumentation von Software
  • Das Schreiben von Clean Code
  • Das Testen und Debuggen
  • Versionskontrollsysteme
  • Die Gründung eines Startups

In den Kommentaren hatten Sie weitere Leerstellen genannt:

  • Änderungskompetenz für Software: bestehende Systeme verstehen und erweitern oder ändern.
  • Teamkompetenz: Arbeiten im Team, so dass konzeptionell integre Systeme entstehen.
  • Professionelles Zeit- und Aufgabenmanagement: Wie teile ich mir meine Zeit zielorientiert ein.
  • Unterschied zwischen effektiv und effizient verstehen – und warum das erste meistens wichtiger ist.
  • Techniken der Continuous Integration oder Continuous Delivery
  • Konfigurationsmanagement
  • Aufwandsschätzungen
  • Release Notes schreiben
  • Umgang mit Ticketsystemen
  • Refactoring
  • Risikobewertung und -management

Ob man nun aber von einem Studium erwarten kann, all diese Fertigkeiten ins Curriculum aufzunehmen, steht auf einem anderen Blatt. Viel lernt man wohl auch erst mit den Jahren, mit der realen Projekterfahrung, mit dem Erfolg und dem Scheitern von Anwendungen in der Praxis.

IT-Studium heute?

Anzumerken ist hier sicher noch, dass unser Quickvote-Ergebnis sich zu einem gewissen Grad auf die Vergangenheit bezieht, da sich das JAXenter-Publikum mehrheitlich aus IT-Profis und nicht aus Studierenden zusammensetzt. Wie stark also aktuelle Reformen, beispielsweise Bologna, in Richtung Praxis gewirkt haben, ist von hier aus schwer auszumachen.

Immerhin existieren heute auch in Deutschland praxisorientierte Studiengänge im Bereich Software Engineering. Duale Studiengänge sowie die Anforderung, einschlägige Praktika vorzuweisen, waren in den 90ern ebenfalls noch nicht an der Tagesordnung.

Bleibt zum Schluss die persönliche Einschätzung: Die Einführung in Scheme hat mich damals erstmals mit funktionaler Programmierung in Berührung gebracht – ein Wissen, das geblieben ist. Die Beschäftigung mit Assembler hat das Verständnis für maschinennahe Prozesse gefördert, das auch heute noch an vielen Stellen nützlich ist.

Ergo: Auch wenn Scheme und Assembler heute in der Praxis keine Rolle mehr spielen – sie waren für mich doch das Rüstzeug, um spätere Entwicklungen in der IT relativ leicht mitgehen zu können.

Und Sie?

Aufmacherbild: 3d people – man, person climb stairs von Shutterstock / Urheberrecht: Orla

Geschrieben von
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser
Content-Stratege, IT-Redakteur, Storyteller – als Online-Teamlead bei S&S Media ist Hartmut Schlosser immer auf der Suche nach der Geschichte hinter der News. SEO und KPIs isst er zum Frühstück. Satt machen ihn kreative Aktionen, die den Leser bewegen. @hschlosser
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2 Kommentare auf "Analysis, Algebra, Assembler? Wie (wenig) praxistauglich das IT-Studium ist"

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Harald Wellmann
Gast

Wer IT (= Informationstechnik) lernen will und Informatik an einer wissenschaftlichen Hochschule studiert, darf sich nicht wundern, wenn er mit wissenschaftlichen Grundlagen konfrontiert wird.

Heute gibt es, anders als vielleicht noch vor 20 Jahren, genügend praxisorientierte Studiengänge wie Medieninformatik, Software Engineering u.ä. – man sollte sich vor dem Studium darüber klar werden, ob man zugunsten einer praxisorientierten Ausbildung auf theoretische Grundlagen verzichten möchte oder umgekehrt.

Exzellente Softwareentwickler beherrschen Software Engineering *und* theoretische Grundlagen. Ohne letztere kann man z.B. Themen wie Kryptographie, Routing, Bild- und Tonverarbeitung kaum erfolgreich bewältigen.

Simon
Gast

Das grundsätzliche Studium an sich vermittelt kaum etwas von dem hier genannten Zeug. Wer aber nicht nur bestehen will und sich etwas näher auch neben dem Pflichtteil mit allem beschäftigt, kommt um viele Sachen nicht herum. Insbesondere Versionskontrollsysteme muss man rudimentär beherrschen, wenn man irgendeine Abschlussarbeit schreibt.
Testen,Debuggen, Clean Code und Refactoring sind allerdings weiterhin Sachen, denen kaum Aufmerksamkeit geschenkt wird…
Das Studium lernt einem eher komplexes Denken und das Lösen von Problemen und Fragestellungen.