Interview mit Ian Skerrett und Benjamin Cabé über die M2M IWG

"Alles ist fragmentiert, aber jeder möchte das Internet der Dinge."

Die Gründung der M2M Industry Working Group (IWG) vor fast genau einem Jahr war die Initialzündung zu einer Reihe von M2M-Aktivitäten unter dem Dach der Eclipse Foundation. In nur knapp einem Jahr wurden drei neue Projekte zur vereinfachten Entwicklung von Embedded-Lösungen aus der Taufe gehoben: Paho stellt Implementierungen des MQTT-Protokolls zur Verfügung; Koneki soll den Tooling-Bedarf decken (wir berichteten über diese beiden Projekte in den Ausgaben 5.2012 und 6.2012 des Eclipse Magazins); seit Sommer wird außerdem an der Runtime-Technologie Mihini gefeilt. Nun sind industrielle Kooperationen dieser Art weder neu noch ungewöhnlich im Eclipse-Ökosystem. Ganz im Gegenteil: Man denke etwa an die Polarsys oder die Auto IWG. Wozu wurde aber gerade für M2M eine IWG ins Leben gerufen, einen Bereich, dessen Einzeltechnologien zu einem großen Teil noch in den Kinderschuhen stecken? Auf der EclipseCon Europe 2012 standen uns Benjamin Cabé, Leiter von Koneki und Mihini, und Ian Skerrett, Marketing-Direktor der Eclipse-Foundation, Rede und Antwort. Sie erläuterten in diesem Gespräch die Hintergründe der IWG-Entstehung, warum gerade im Internet der Dinge offene Standards dringend notwendig sind – und wie der rasant wachsende M2M-Markt und Eclipse voneinander profitieren können.

Eclipse Magazin

Das Interview mit Ian Skerrett und Benjamin Cabé über die M2M IWG ist erstmalig erschienen im

Eclipse Magazin 3.2013

Jaxenter: Die Eclipse M2M IWG wurde vor einem Jahr gegründet. Wie hat alles angefangen?

Benjamin Cabé: Bei Sierra Wireless hatten wir uns schon lange mit Eclipse-Technologien beschäftigt. Wir hatten mit der Eclipse-IDE gearbeitet, aber auch Services rund um Eclipse angeboten. Wir haben IDEs gebaut, die auf Eclipse basierten und so weiter. Als wir ins M2M-Geschäft eingestiegen sind, brauchten wir entsprechende Tools. Also haben wir angefangen, Eclipse-basierte Tools zu bauen, grafische IDE-Drawer, Debugger etc., um M2M-Lösungen zu entwickeln. Es kam uns so vor, als würden wir das Rad neu erfinden: Wir bauten Tools ähnlich denen, die Firmen verwenden, und doch anders. So kamen wir auf die Idee, eine IWG zu gründen, um gemeinsam an den Bausteinen für die M2M-Entwicklung zu arbeiten – an Tools, eingebetteten Plattformen, Software-Stacks und Kommunikationsprotokollen. Mit diesem Anliegen sind wir auf die Eclipse Foundation zugegangen. Wie sich herausstellte, waren IBM und Eurotech ebenfalls daran interessiert, Open-Source-Technologien im M2M-Bereich zu entwickeln, besonders MQTT, das sie Open Source zur Verfügung gestellt haben. Parallel zur IWG haben wir das erste Eclipse-Projekt gegründet. Denn die IWG ist eher ein Ort, um die allgemeinen Anforderungen und eine gemeinsame IDE zu besprechen und um Begrifflichkeiten etc. abzustimmen. An der Tooling-Front haben wir Koneki ins Leben gerufen. Offiziell ging die IWG im November an den Start. IBM hat besonders die Protokollebene interessiert, sie haben, wie gesagt, MQTT beigesteuert und ein eigenes Protokollprojekt – Paho – gegründet. Der initiale Beitrag kam.

Ian Skerrett:.im Frühjahr.

Cabé: Genau. Danach haben wir nach Interessenten Ausschau gehalten. Wenn man sich Eclipse anschließt, werden andere auf einen aufmerksam, und so haben nach der EclipseCon viele Leute Interesse gezeigt. Es tat sich eine ganze Reihe von Firmen auf, die an M2M-Lösungen arbeiten. Der Eclipse-Ansatz funktioniert quasi nach dem „Bottom-up“-Prinzip: Man beginnt mit bestehenden Bausteinen und bestehenden Implementierungen. Und die Unternehmen haben angefangen, sich für die Diskussionen zu interessieren, die wir führten: wie man MQTT für M2M optimieren kann, wie man auf der Server-Seite gemeinsame APIs erarbeiten kann. Das alles ist Sinn und Zweck der M2M IWG.

Jaxenter: Ian, aus Sicht der Eclipse Foundation: Als ihr von dem wachsenden Interesse an M2M in der Eclipse-Community erfahren hast, wie habt ihr reagiert? Habt ihr das damals ernst genommen?

Skerrett: Klar! In der Foundation sehen wir Open Source so: Wir erarbeiten Best Practices für industrielle Kooperationen. Schließlich ist die Eclipse-Community richtig gut darin, Einzelpersonen und verschiedene Firmen zusammenzuführen, die interessante Technologien erarbeiten. Beispiel Java-EE-Tooling: Da gibt es Oracle, SAP, IBM, RedHat und andere. Die können an einer gemeinsamen Codebasis arbeiten. Wir gründen also mehrere dieser IWGs, um diese Art der Zusammenarbeit zu fördern. So etwas ist ideal für Machine to Machine. Das gab es ja auch schon im Automobilbereich und im Bereich Systems Engineering in der Luft- und Raumfahrt. Und M2M war eben ein neuer Bereich.

Jaxenter: Da du gerade Luft- und Raumfahrt erwähnst: Gibt es da Verbindungen zwischen M2M und anderen IWGs, z. B. Polarsys?

Skerrett: Das ist wie ein in einem Mengendiagramm, wirklich bemerkenswert – und auch gut so. Wie fast überall in Eclipse gibt es teilweise Überschneidungen. Deswegen ist die EclipseCon auch so großartig: Man kann hier eine Menge Dinge entdecken, die auf das eigene Gebiet anwendbar sind, auf die man vorher aber noch nie gekommen ist. Im Moment würde ich zwar nicht sagen, dass das, was die Polarsys IWG macht, direkt auf M2M anwendbar ist. Aber das könnte in Zukunft anders aussehen. Diese Industrien, dazu gehört sicher auch die Automobilindustrie, haben ihren Blick sehr stark auf M2M als mögliche Strategie gerichtet.

Cabé: Erst gestern, nachdem wir gezeigt haben, welche Embedded-Technologien wir zur Verfügung stellen, MQTT usw., kam jemand von der Automotive IWG auf uns zu und sagte: Hey, das was ihr gerade gezeigt habt, dieses Developer-Kit, ist interessant – wir haben da ein Arduino-Projekt, um Leuten dabei zu helfen, sehr schnell in die Entwicklung einzusteigen. Wir haben ein Arduino Developer Kit und werden das Design etc. veröffentlichen, damit es jeder reproduzieren kann. Denn wenn man ein Open-Hardware-Device hat, das dabei hilft, Prototypen für Automotive-Software zu entwickeln, mit dem man außerdem sofort starten kann, statt ein Test-Device für mehrere Tausend Euro zu kaufen, ist das natürlich vorteilhaft.

Wir möchten die M2M-Entwicklung also vereinfachen. Das könnte für spezielle vertikale Märkte von Interesse sein. Die Automobilbranche nutzt quasi ohnehin schon M2M.

Skerrett:.und ob sie M2M nutzt!

Cabé: Und selbst wenn das noch nicht ganz ausgereift ist: Das wird es bald sein.

Jaxenter: Gerade sind Zahlen für 2017 veröffentlicht worden: Es wird einen Anstieg von derzeit 110 Millionen eingebetteten Geräten auf 400 Millionen im Jahr 2017 geben [1]. Aber zurück zur aktuellen Situation: Welche Markthemmer, welche Herausforderungen werden von der M2M IWG adressiert?

Skerrett: Der wichtigste Anlass zur Gründung war für mich der fragmentierte Zustand des aktuellen M2M-Marktes. Dort entstehen anwendungsspezifische Silos: Es gibt jeweils Einzellösungen für den Gesundheitssektor, für Öl und Gas, für Heimautomatisierung etc., und diese Bereiche kommunizieren nicht miteinander. Alles ist fragmentiert, aber jeder möchte das Internet der Dinge. Was heißt das nun? Das heißt, sie müssten anfangen, miteinander zu reden – zum Beispiel, was Messaging und Data-Sharing angeht. Wenn es das Ziel ist, diesen „Hockey Stick“-Anstieg auf 50 Milliarden oder drei Billionen vernetzten Geräten – oder wie viele auch immer es sein werden – zu erreichen, muss man die Silos abbauen. Und wie macht man das? Nun, wenn man sich ansieht, warum das Internet so erfolgreich ist: Ich glaube, das ist vor allem auf die Verbreitung von offenen Standards zurückzuführen: HTTP, TCP/IP, HTML – und auf offene Implementierungen. Das hat zur Verbreitung des Internets beigetragen. Wir müssen also zu Open-Source-Standards und -Implementierungen gelangen, damit das IoT erfolgreich sein kann.

Die Vision der IWG ist es also, das Rüstzeug für eine solche offene Plattform für das Internet der Dinge zur Verfügung zu stellen.

Jaxenter: Wie versucht ihr, Firmen dafür zu gewinnen? Geht ihr einfach auf sie zu?

Skerrett: Ja. Benjamin ist sehr gut darin, Firmen anzusprechen. Viele kommen auch auf uns zu. Es gibt zurzeit sehr viele Firmen, die sich darüber informieren, die meisten davon in der Telekommunikationsbranche. Ehrlich gesagt glaube ich, viele sind darauf aus, ihre Silos aufrechtzuerhalten. Die sehen sich offene Standards an und fragen: Was soll das? Das Interessante ist aber: Viele große Unternehmen wie IBM sehen darin eine Chance, ihr Unternehmen nach außen zu öffnen, um an mehr Informationen zu gelangen. Bei der Smarter-Planet-Kampagne von IBM zum Beispiel [2] geht es darum, an Informationen zu gelangen, die dabei helfen, die richtigen Entscheidungen in Sachen M2M zu treffen. Und einige der Geräteanbieter wie Sierra Wireless haben begriffen, dass es sehr wichtig ist, die Silos abzubauen. Dafür macht sich die Eclipse IWG stark.

Jaxenter: Aber es gibt doch in der Tat große Player in der Telekommunikationsindustrie, die schlichtweg kein Interesse an offenen Standards haben?

Skerrett: Die werden sich noch eines Besseren besinnen (lacht). Ich bin zwar kein Experte der Telekommunikation, aber: Um ihre Silos aufrechtzuerhalten, müssen sie zwangsläufig sehr konservativ sein. Denn sobald es irgendeinen Störfaktor in ihrem System gibt, ist alles hinüber. Sie müssen also am Alten festhalten, statt agil und schnell neue Technologien auf den Markt zu bringen und diese möglichst schnell zu verbreiten.

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