Flankierende Maßnahmen in agilen Projekten – ein psychologischer Diskurs

Agilität durch Lernen

Michael Tute, Johannes Wiethölter

Die Wurzeln agiler Vorgehensmodelle zeigen uns, dass es sich bei den Methoden wie Scrum um weit mehr handelt als um eine Verfahrensweise. Die Philosophie der agilen Methoden ist zwar aus der Produktentwicklung getrieben, ist aber letztendlich ein Thema der Organisationsentwicklung und ist somit eng verbunden mit lernenden Organisationen und Lernprozessen. Die in agilen Vorgehensweisen geforderten Reflexionsphasen laden gerade dazu ein, sich mit dem Thema der lernenden Organisation intensiver zu beschäftigen und auch einen Blick in andere Disziplinen zu werfen, um mögliche Ansätze auf die IT-Projekte zu projizieren. Dieser Artikel zeigt auf, wie agil Lernprozesse als solche sein können und wie agile IT-Projekte durch veränderte Lernprozesse unterstützt werden können.

Lernende Organisationen

Dass Lernen Flexibilität fördert und Innovationen antreibt, ist geradezu der Imperativ des heutigen Wirtschaftens. An Individuen, Teams wie auch ganze Organisationen werden dabei unterschiedliche Anforderungen gestellt, um aus Erfolgen und Misserfolgen der Vergangenheit Lehren zu ziehen. Auch wenn es keine einheitliche Definition darüber gibt, wie sich eine „lernende Organisation“ darstellt, so ist dennoch die mehrheitliche Meinung, dass unter einer „lernenden Organisation“ eine Organisation verstanden werden kann, die sich kontinuierlich weiterentwickelt. Dies mit dem Ziel, die Mitarbeiter und die Organisation einem ständigen Lernprozess zu unterziehen, um so das im Unternehmen verfügbare Wissen ständig zu vermehren und dadurch wiederum eine höhere Leistungsfähigkeit des Unternehmens bzw. der Organisation zu erreichen.

Lernen aus psychologischer Sicht verstehen wir hierbei sowohl als Wissenserwerb als auch als relativ überdauernde Veränderung der Verhaltensmöglichkeiten, sofern diese auf die Aufnahme und Verarbeitung von Informationen zurückgehen [1]. Mit dieser Definition des Lernens ist eine „lernende Organisation“ nicht nur auf den Wissenserwerb und die Verarbeitung der Informationen angewiesen, sondern bedingt auch – mehr oder weniger – eine Organisationsentwicklung durch Veränderung der Rahmenbedingungen.

Lernprozesse

Der Organisationspsychologe und Mitbegründer der Organisationsentwicklung Chris Argyris, arbeitete in seinen Forschungen zwei Lernprozesse am Arbeitsplatz heraus: Single Loop Learning und Double Loop Learning [2]. Das Single Loop Learning ist geprägt von Eindimensionalität und findet sich am häufigsten in unserem Leben wieder: Ein Problem oder Missstand wird erkannt, und es werden Maßnahmen ergriffen, um das Problem zu beseitigen. Die Maßnahmen münden dann in ein verändertes Handeln, ohne dabei die Rahmenbedingungen, also die Strukturen, Verhaltensmuster, Standards etc., anzupassen (Abb. 1).

Abb. 1: Prozess des Single Loop Learnings
Beispiel für Single Loop Learning

Nehmen wir eine sehr typische Ausgangssituation in IT-Projekten an:

Ziel: Es wird eine bessere Projektvorhersagbarkeit benötigt, um den Anforderungen des Kunden besser entsprechen zu können.

Handlung: Um eine bessere Vorhersagbarkeit zu erreichen, wird das Gesamtprojekt stärker von Beginn an durchgeplant und der Projektplan sehr detailliert ausgearbeitet.

Ergebnis: Die Realisierung des Projekts dauert nun doch länger und es wird mehr Budget benötigt. Die Kundenerwartungen können nicht erfüllt werden.

Im Single Loop Learning würde man die Ergebnisse reflektieren und Abweichungen vom gewünschten Ergebnis mit einer Veränderung der Handlungsweise begegnen. In unserem Beispiel könnte dies bedeuten, dass wir versuchen, die Projektplanung zu verbessern.

Geschrieben von
Michael Tute, Johannes Wiethölter
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