Den Tunnelblick bekämpfen

Tunnelblick und unterschätzte Risiken: Eine agile Perspektive auf Zeitmangel und Spielräume

Michael Thomas

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Einige agile Methoden arbeiten mit einer künstlichen Verknappung der Ressource Zeit (sogenannten „Sprints“). Doch sind diese dem Softwareentwicklungsprozess insgesamt wirklich zuträglich? Oder wäre es vielleicht wichtiger, Spielräume zu eröffnen, die einen Blick über den Tellerrand ermöglichen?

Dem Trainer, Coach und Berater für agile Methoden Allan Kelly zufolge rühren viele Softwareentwickler die Werbetrommel für die Vorzüge von Spielräumen. Dabei greift Kelly auf eine Definition von „Spielraum“ zurück, die der Softwareentwickler und Autor Tom DeMarco in seinem Buch „Spielräume. Projektmanagement jenseits von Burn-out, Stress und Effizienzwahn“ lieferte. Nach eigener Aussage wurde Kellys langjährige Skepsis gegenüber derartigen Spielräumen durch ein weiteres Buch beseitigt: „Knappheit: Was es mit uns macht, wenn wir zu wenig haben“ von Sendhil Mullainathan (Professor für Volkswirtschaftslehre an der Harvard University) und Eldar Shafir (Professor für Psychologie an der Princeton University).

Auswirkungen der Knappheit

Die These des letztgenannten Buches lautet kurz gesagt: Begegnet ein Individuum der Knappheit einer Ressource, stellt sich eine Art von Tunnelblick ein. Dies kann einerseits positiv sein, weil mit dieser Konzentration eine gewisse Steigerung der Produktivität und Effektivität einhergeht. Andererseits werden alle Dinge, die sich außerhalb des Tunnels befinden, vernachlässigt – einem möglichen kurzfristigen Gewinn stehen potentiell also mindestens genauso hohe Kosten gegenüber.

Oder anders ausgedrückt: Gibt man sich dem Tunnel hin, verbraucht man mentale Kapazität, die anderweitig fehlt. Hat man sich also irgendwann einmal in ein Loch bzw. eine schwierige Situation manövriert, ist es sehr schwer, dort wieder herauszukommen. Einen derartigen Tunnelblick sieht Kelly bei vielen Entwicklerteams, beispielsweise wenn diese ständig dieselben falschen und/oder ineffizienten Dinge tun, weil sie es sich nicht mehr anders vorstellen können. Welches Licht wirft dies auf die agile Softwareentwicklung?

Tunnelblick und unterschätzte Risiken

Wie Kelly anmerkt, sind beispielsweise einige Arten der agilen Softwareentwicklung (z.B. Scrum, XP, Xanpan) dadurch gekennzeichnet, dass die Zeit künstlich verknappt wird, was zu einem Tunnel und damit höherer Effektivität führt. Der Preis hierfür ist, dass alle Tätigkeiten außerhalb des Tunnels entweder stark zurückgefahren oder ganz aufgegeben werden – selbst solche, die auf lange Sicht eigentlich wichtig wären, wie etwa die Verbesserung der technischen Infrastruktur.

Zur Veranschaulichung greift Kelly auf ein Beispiel aus dem Buch von Mullainathan und Shafir zurück: Ein armer Bauer versucht Geld zu sparen, indem er auf eine Versicherung gegen Ernteausfall verzichtet – er tauscht also eine langfristiges Risiko gegen kurzfristigen Profit ein. Trifft der Fall ein, bei dem der Bauer von der Versicherung profitieren würden, ist es für die Investition zu spät. Hat er jedoch Zeit und Geld, erscheint die Investition unnötig.

Im übertragenen Sinne gesagt: Die Menschen sind zu optimistisch und unterschätzen das Risiko, das potentiell auftretende Probleme in sich bergen. Ein ähnliches Muster sieht Kelly bei Teams, die beispielsweise auf testgetriebene Entwicklung verzichten. Es ist ein Teufelskreis: Für arme Menschen ist es sehr schwierig, Probleme, die man mit geringen Geldsummen lösen könnte, zu beseitigen, da sie einfach nicht über die entsprechenden Mittel verfügen – was den Alltag häufig schwer belastet. Kelly zieht eine Parallele zur Softwareentwicklung: Bei Projekten, die verspätet sind und ihr Budget gesprengt haben, konzentrieren sich die Manager auf diese beiden Punkte, während beispielsweise die Qualität vernachlässigt wird und technische Schulden angesammelt werden.

Spielräume eröffnen!

Manchmal, so Kelly, scheine ihm die Lösung für dieses Dilemma eine leichte zu sein: Sich einfach nicht in die Knappheitsfalle begeben – was natürlich ungleich leichter gesagt als getan ist. Auch wenn er, wie er gerne zugibt, kein Patentrezept in der Hinterhand hat, gibt Kelly einen expliziten Rat: Das Projektdenken hinter sich lassen, da dieses sowohl Probleme als auch Lösungen verschleiere. Doch am allerwichtigsten sei – wie es Mullainathan und Shafir in ihrem Buch beschreiben – dass man zunächst einmal überhaupt anerkennt, dass die Eröffnung von Spielräumen ein Teil der Antwort auf die Probleme ist, die Knappheit mit sich bringen.

Aufmacherbild: Indian businessman asleep at his desk clutching ukulele von Shutterstock.com / Urheberrecht: bikeriderlondon

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Michael Thomas
Michael Thomas
Michael Thomas studierte Erziehungswissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und arbeitet seit 2013 als Freelance-Autor bei JAXenter.de. Kontakt: mthomas[at]sandsmedia.com
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