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Wider die 80-Stunden-Woche

Agile und die Mitarbeiterzufriedenheit – eine Korrelation?

Michael Thomas

© Shutterstock.com/Popartic

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Agile und der Zufriedenheit am Arbeitsplatz? Der Agile-Coach Joe Fecarotta meint: Unbedingt! Denn agile Methoden und unhaltbare Arbeitsbedingungen schließen sich seiner Ansicht nach aus.

Google hat es an die Spitze der Fortune-100-Liste der arbeitnehmerfreundlichsten Unternehmen geschafft. Andere Tech-Giganten wie Facebook, Microsoft, Apple, Amazon und Co. sucht man dort hingegen jedoch vergeblich – und das, obwohl viele von ihnen ähnliche Vergünstigungen wie hohe Gehälter, kostenlose Verpflegung oder gar Massagen am Arbeitsplatz bieten.

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Was macht also den Unterschied? Fecarotta sieht einen Zusammenhang zwischen der Silicon-Valley-Mentalität und der nicht erfolgten Übernahme agiler Praktiken: Keines der genannten Großunternehmen beteiligt sich an der Agile-Community oder ist in nennenswertem Maße auf entsprechenden Konferenzen vertreten. Fecarotta stellte sich die Frage nach dem Grund für diesen Umstand: Gehen deren Mitarbeiter nicht auf Konferenzen, weil sie schlicht und ergreifend keine Zeit dafür haben? Sind sie, nach Startup-Art, „von Natur aus“ agil? Betrachten sie Agile vielleicht als Holzweg und meiden es deshalb? Oder ist am Ende vielleicht gar die Führungsriege der Tech-Giganten der Ansicht, das Agile unnötig ist?

Schlechte Arbeitsbedingungen versus Agile

Am Ende dieser Überlegungen schälte sich für Fecarotta ein Muster heraus: Im Rückgriff auf zahlreiche Berichte über teils unhaltbare Arbeitsbedingungen bis hinauf zu den White-Collar-Berufen (so z.B. in der IT- und Entwicklungsabteilung von Amazon) stellt er die These auf, dass Agile derart zweifelhaften Arbeitsbedingungen entgegensteht, sprich: Die entsprechende Unternehmenskultur in Frage stellt.

Seiner Erfahrung als Agile-Coach zufolge können die Methoden der agilen Softwareentwicklung die hässlichen und ineffektiven Seiten eines Unternehmens ans Tageslicht fördern – starre Pläne, Innovationsfeindliche Abläufe etc. Schlussendlich, so Fecarotta, stellt Agile ein Kernelement der Mentalität des Silicon Valley – die Idee, dass 80-Stunden-Wochen die Norm seins sollten und eine längere Arbeitszeit zu besseren Ergebnissen führt – zur Disposition. Denn Agile und Lean würde Fecarotta zufolge etwas anderes verlange: Eine tragfähigere, nachhaltigere Arbeitsumgebung. Oder anders ausgedrückt: Eine bessere Lebensqualität für die Arbeitnehmer.

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Gegen harte Arbeit an sich richtet sich Fecarottas Argumentation dabei nicht – manchmal müssen Überstunden und Akkordarbeit einfach sein – sondern vielmehr gegen die teilweise erwartete sklavische Pflichterfüllung, die zur dauerhaften Ausblendung aller anderen Lebensbereiche führt. Das Argument, dass manche Professionen seit jeher eine derartige Arbeitsmentalität an den Tag legen, lässt er nicht gelten – die Ethik der Wall Street verbietet sich seiner Ansicht nach. Schlussendlich läuft es also auf die Frage nach der Kultur hinaus: Einer Fecarottas Ansicht nach mutierten und metastasierenden Startup-Kultur, das Privatleben und die eigene Menschlichkeit zugleich auffrisst.

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Diese betrachtet Fecarotta aus mehrerlei Hinsicht als schädlich: Erstens ist sie schlecht für das Unternehmen, weil Überlastung und Angst der Arbeitnehmer deren Denken einschränkt und somit eine innovationsfeindliche Umgebung geschaffen wird. Zweitens ist sie schlecht für das Privat- und Familienleben – siehe Work-Life-Balance. Drittens ist sie schlecht für die Gesundheit – Burnout und Co. lassen grüßen. Google hat zwar bislang die Übernahme agiler Methoden nicht vollzogen, scheint sich, so Fecarotta, aber zumindest im Hinblick auf die Unternehmenskultur von allen andern Tech-Giganten abzugrenzen – worauf Platz 1 in der Fortune-Liste hinweist.

Nach Verteilung der schlechten Noten an die Unternehmen nimmt Fecarotta abschließend jedoch auch die Arbeitnehmer mit in die Haftung: So sollten Entwickler in einem ersten Schritt ihre ganz persönlichen Lebensziele formulieren und festhalten und diese nach und nach realisieren – z. B. via LifeSparcs, einer von Fecarotta für Alltagszwecke portierten Variante agiler Prinzipien. In einem zweiten Schritt sollte man dann damit beginnen, zu versuchen, die Kultur des eigenen Unternehmens mitzugestalten und hin zum Besseren zu wenden. Oder anders ausgedrückt: Eine agile Revolution zu entfesseln, damit die Begriffe „Wissensarbeiter des 21. Jahrhunderts“ und „Sweatshop“ künftig nicht mehr im selben Satz auftauchen.

Aufmacherbild: I love my job von Shutterstock.com / Urheberrecht: Popartic

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Michael Thomas
Michael Thomas
Michael Thomas studierte Erziehungswissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und arbeitet seit 2013 als Freelance-Autor bei JAXenter.de. Kontakt: mthomas[at]sandsmedia.com
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