Agile ist tot – es lebe die Agilität! Über den "Practical Turn" der Software-Entwicklung

Hartmut Schlosser
©Shutterstock/ IkeHayden

Wir sollten uns von dem Wort „Agile“ verabschieden – es hat jede Bedeutung verloren. Diese Anzeige über den Tod des Begriffs „Agile“ stammt von keinem geringeren als Dave Thomas, einem der Verfasser des legendären Agilen Manifestos aus dem Jahre 2001. 

Dave Thomas verabschiedet sich allerdings keineswegs von den vier Werten, die im agilen Manifest festgeschrieben wurden:

  1. Individuals and interactions over processes and tools
  2. Working software over comprehensive documentation
  3. Customer collaboration over contract negotiation
  4. Responding to change over following a plan

In seinem Blogpost „Agile Is Dead (Long Live Agility)“ kritisiert Thomas vielmehr den inflationären Gebrauch des Wortes und die „Verwertungsindustrie“, die sich um die agile Softwareentwicklung aufgebaut hat. Was ist passiert?

Anti-Agile

Zweifellos hat die Bewegung der agilen Softwareentwicklung geholfen, verkrustete Strukturen in vielen IT-Unternehmen aufzubrechen. Nicht nur wurden die spezifikationsfreudigen Prozesse der 80er und 90er entschlackt, auch wurde der Fokus der Software-Entwicklung explizit nicht (nur) auf das Ergebnis, sondern auf eine Methode gelenkt, die den Menschen und seine Interaktionen mit Team-Mitgliedern und Kunden in den Mittelpunkt rückte.

Diesen Errungenschaften folgend richtete sich um die Kerngedanken des agilen Manifests eine ganze Klasse an Trainern, Consultants und Event-Veranstaltern aus, eine ganze Industrie aus Anbietern von Agile-Tools, Agile-Büchern und Agile-Konferenzen. Aus „agile“ im adjektivischen Wortsinne „beweglich, geschickt, vital, wendig“ wurde das Hauptwort „Agile“, das mittlerweile ein Eigenleben in Jobtiteln, Zertifikaten und Werbemitteln führt.

Laut Dave Thomas hat man sich damit denkbar weit vom ursprünglichen Geist des agilen Manifests entfernt. Wenn heute ein Agile Coach „seine“ agile Methode einführen möchte, so sei diese typischerweise voller komplizierter Regeln und „Agile-Tools“ – ein Widerspruch zum ersten Gebot: Individuen und Interaktionen gehen über Prozesse und Tools. Akademische Debatten werden geführt über das richtige Agile, über Scrum versus Lean versus Kanban versus Extreme Programming versus Pomodoro, etc.

Agile ist tot – es lebe die Agilität

Dave Thomas versucht dem Ausverkauf von Agile entgegenzuwirken, indem er eine Wortverschiebung vorschlägt. Da das Wort „Agile“ sinnlos geworden sei, die Werte aber durchaus noch Bestand hätten, solle man mit Referenz zum Agilen Manifest sagen: „Ich entwickle mit Agilität“:

  • You aren’t an agile programmer—you’re a programmer who programs with agility.
  • You don’t work on an agile team—your team exhibits agility.
  • You don’t use agile tools—you use tools that enhance your agility.

Der ursprüngliche Geist des Manifests sei indes denkbar einfach zu beschreiben:

What to do:

  • Find out where you are
  • Take a small step towards your goal
  • Adjust your understanding based on what you learned
  • Repeat

Im seinem Fazit mahnt Thomas, das neue Wort „Agilität“ in diesem ursprünglichen Sinne bedeutungsvoll zu halten: 

We’ve lost the word agile. Let’s try to hang on to agility. Let’s keep it meaningful, and let’s protect it from those who would take the soul of our ideas in order to sell it back to us.

Extreme Agile

Nun mag man den Wechsel von „Agile“ zu „Agilität“ als Wortspielerei abtun, doch steht Thomas mit seiner Kritik an der Agile-Industrie nicht alleine da. So spricht beispielsweise auch Uncle Bob Martin, ein weiterer Unterzeichner des Manifests, in „Extreme Programming, a Reflection“ von der Verwässerung der Agile-Bewegung. Martin geht noch auf den Entstehungskontext des Agilen Manifests zurück, der in den Diskussionen um die Technik des Extreme Programming liegt. Kent Beck hatte vor 14 Jahren 12 Praktiken beschrieben, die er unter dem Mantelwort „Extreme Programming“ zusammenfasste. Hier mit den Kommentaren des Uncle Bob:

  • The Planning Game: Nowadays known as SCRUM. The idea that software is produced in short increments from a prioritized list of work items.
  • Small Releases: The notion that deployments should be frequent and incremental.
  • Metaphor: Finally crystalized by Eric Evans in his book Domain Driven Design. The notion that the structure of the system is based upon a simple mental model of the problem domain.
  • Simple Design: The notion that it is best to keep the system as simple as possible at all times regardless of what we fear about the future.
  • Testing: The notion that programmers, and customers, write automated tests that verify that the production code actually does what they think it should. Nowadays we call this Test Driven Development (TDD) and Acceptance Test Driven Development (ATDD).
  • Refactoring: The notion that the internal structure of software can, and should, be continuously improved.
  • Pair Programming: The notion that members of a team cannot be a team if they work separately. To be a team they must regularly collaborate, at the keyboard. In so doing they share knowledge sufficient to cover for each other as team members should.
  • Collective Ownership: The notion that the code belongs to the team, not to the individual.
  • 40 Hour week: The notion that teams who consistently work overtime are failing.
  • On Site Customer: The notion that someone from the business, who is responsible for requirements, must be readily and consistently available to the programming team.
  • Coding Standards: The notion that the team adopts a consistent style in their code emphasizing cleanliness and communication.

14 Jahre später, so Uncle Bob Martin weiter, ist der Begriff „Extreme Programming“ fast bedeutungslos geworden.  Und dann zieht Martin interessanter Weise ein ganz ähnliches Fazit wie Dave Thomas: Genauso wie die agilen Grundwerte auch heute noch gelten, so sind die 12 beschriebenen Praktiken des Extreme Programming auch heute noch relevant – auch wenn sich die Bezeichnungen dafür verändert haben.

Der Practical Turn der Software-Entwicklung

Was also bleibt, sind die Praktiken und das ist ganz im Sinne des „Practice Turn“ der Soziologie zu verstehen: Praktiken sind erlernte Routinen, die strukturell im Sozialen verortet sind und über den Einzelindividuen stehen.  Soziale Praktiken sind nicht im theoretischen sondern im praktischen Wissen und „Können“ angesiedelt. Sie widersetzen sich so zum Teil einer Intellektualisierung  – und das Benennen, Besprechen und Beschreiben ist bereits eine solche Intellektualisierung. Es ändern sich die Bezeichnungen, die Praktiken bleiben.

Vielleicht wäre es ja auch für Agile das beste, wenn der Begriff wie „Extreme Programming“ von der großen Bühne verschwände. Was bliebe wären die erlernten Praktiken, heutzutage deutlich von den agilen Grundwerten geprägt. Was verschwände wäre der (laut Thomas) nutzlose Überbau an intellektualisierenden Diskussionen um das „echte Agile.“ 

Doch vielleicht sehen die beiden IT-Veteranen die Sachlage auch etwas zu schwarz. Trotz aller berechtigter Kritik wirken die Diskussionen um Agile weiter, bis tief hinein in so manche Entwicklerbude, für die Agile immer noch Neuland ist – in welcher Form auch immer. Und dass die Verfasser eines Werkes sich über die „falschen Interpretationen“ der Adepten beschweren, ist ein altbekannter Topos aus den Literaturwissenschaften. Bekanntlich liegt im Werk immer mehr Bedeutung, als vom Autor intendiert.

Aufmacherbild: Illustration of a Tombstone with Amusing Game Over message von Shutterstock / Urheberrecht: IkeHayden

Geschrieben von
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser
Content-Stratege, IT-Redakteur, Storyteller – als Online-Teamlead bei S&S Media ist Hartmut Schlosser immer auf der Suche nach der Geschichte hinter der News. SEO und KPIs isst er zum Frühstück. Satt machen ihn kreative Aktionen, die den Leser bewegen. @hschlosser
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