JAX Countdown mit Stefan Roock

“Wir dürfen uns in der Software-Entwicklung mit einem Ausreichend nicht zufrieden geben”

Hartmut Schlosser

Stefan Roock

Das agile Manifest feiert 2016 seinen 15. Geburtstag. Stefan Roock von it-agile hat die agile Bewegung von Beginn an begleitet und die Verbreitung agiler Vorgehensweisen in Deutschland maßgeblich mit beeinflusst. Wir haben uns mit ihm darüber unterhalten, was Agile in den letzten Jahren bewirkt hat und wie man das Feuer agiler Werte am Leben halten kann.

JAXenter: Das agile Manifest wurde 2001 verfasst – Agile wird 2016 also 15 Jahre alt. Wenn du einmal eine Retrospektive machst – was hat sich aus deiner Sicht seit 2001 getan? Welche Veränderungen hat die Agile-Bewegung bewirkt?

Stefan Roock: Als wir 1999 mit Extreme Programming begonnen haben, gab es wenige Sympathisanten und viele erbitterte Gegner. So könne man auf keinen Fall professionell Software entwickeln. Damals wurde in unseren Schulungen und Workshops viel darüber diskutiert, ob man so Software entwickeln sollte.

Heute fragt sich eigentlich kaum noch jemand, ob man so Software entwickeln kann. Stattdessen drehen sich die Themen in Schulungen um die Frage, wie man das Ganze im eigenen Unternehmen zum Laufen kriegt.

Außerdem halten agile Verfahren auch Einzug in Bereiche außerhalb der Software. Agile Hardware-Entwicklung ist ein Thema, das immer mehr Verbreitung gewinnt. Und auch in der Dienstleistungsbranche breiten sich agile Verfahren aus.

Diese Bewegung freut mich sehr. Wir haben damals nicht auf agil gesetzt, weil wir meinten, damit viel Geld verdienen zu können. Wir haben es getan, weil wir es für das Richtige hielten.

JAXenter: Nun haben sich in letzter Zeit einige Unterzeichner des agilen Manifests mit kritischen Tönen zu Wort gemeldet. Beispielsweise hat Dave Thomas „Agile“ für tot erklärt, Andrew Hunt hat mit GROWS ein neues agiles Konzept zur Diskussion gestellt. Der Grundtenor ist dabei, dass die ursprünglichen agilen Werte in einer Art „Agile Industrie“ untergegangen seien. Teilst du diese Kritik?

Stefan Roock: Wenn etwas erfolgreich wird, behauptet jeder gerne, er hätte es schon immer so gemacht. Außerdem ziehen erfolgreiche Ansätze immer auch Leute an, die sich als Trainer oder Berater verdingen, ohne wirklich verstanden zu haben, um was es geht.

Das schadet der Bewegung. Das finde ich natürlich schade; aber es scheint eine unausweichliche Begleiterscheinung des Erfolgs zu sein. Das haben wir nicht nur bei agiler Entwicklung beobachtet, sondern z.B. auch bei objektorientierter Programmierung. Da war plötzlich auch alles objektorientiert.

Letztlich kann ich verstehen, wenn Pioniere der agilen Welt den Rücken kehren. Es ist aber nutzlos. Wenn das, was sie stattdessen machen, erfolgreich wird, wird dasselbe passieren und alles geht von vorne los.

Das beste, was wir tun können, ist immer wieder zu erklären, worum es wirklich geht. Je besser das von allen Beteiligten verstanden wird, desto weniger Mist passiert.

Lesen Sie auch: Agile ist tot – es lebe die Agilität! Über den „Practical Turn“ der Software-Entwicklung

JAXenter: Auf der JAX beschäftigst du dich mit der User Experience. Wo liegt der Zusammenhang zwischen UX und Agilität?

Stefan Roock: Es gibt Leute, die behaupten, agil habe mit UX nichts zu tun. Und dann sind diese Leute schnell dabei, irgendwas dazu zu definieren, um UX abzubilden. Meiner Meinung nach ist das gar nicht notwendig. Agile Entwicklung basiert darauf, Wert für Kunden zu schaffen; ohne UX undenkbar.

Daher halte ich es für den komplett falschen Ansatz, UX aus der agilen Entwicklung zu extrahieren und woanders stattfinden zu lassen. UX ist ein Teil der agilen Entwicklung. Und die aktuellen Diskussionen um z.B. Lean UX, Design Thinking etc. fügen sich harmonisch in das agile Weltbild ein.

JAX 2016 LogoTreffen Sie Stefan Roock auf der JAX 2016:

UX und agile Entwicklung: eine Aufgabe fürs ganze Team

Es gibt ein wachsendes Verständnis dafür, dass die User Experience (UX) ein wesentlicher Erfolgsfaktor für Softwareentwicklung ist – für Internetanwendungen, Apps und auch bei Inhouseanwendungen. Es herrscht häufig noch Unsicherheit darüber, wie UX mit agiler Entwicklung kombiniert werden kann. Der Vortrag argumentiert, dass UX eine gemeinsame Aufgabe des ganzen Teams ist, und zeigt verschiedene Möglichkeiten, wie UX und Agile kombiniert werden können: beginnend von klassischem Denken mit vorgelagerter UX, über Dual Track Agile mit paralleler UX bis hin zu vollständiger Integration von UX in Sprints/Iterationen. Die einzelnen Ansätze werden mit Fallbeispielen unterlegt und bzgl. der jeweiligen Vor- und Nachteile bewertet. Nach dem Vortrag kennen die Teilnehmer verschiedene Optionen für die Kombination von UX und Agile und haben Ideen, was sie als Nächstes im eigenen Kontext tun können.

Mittwoch, April 20, 2016 – 18:00 bis 19:00

JAXenter: Worauf kommt es dir persönlich in deiner agilen Praxis besonders an?

Stefan Roock: Ich möchte nicht als agiles Feigenblatt beim Kunden sein. (Wer mich kennt, würde auch sicher nicht auf die Idee kommen, mich für sowas zu rufen 🙂 Ich möchte, dass sich wirklich etwas verändert: Sowohl Endkunden als auch Mitarbeiter sollten durch agile Entwicklung begeistert werden.

Als wir mit agiler Entwicklung begonnen haben, sagten die Entwickler „Wir haben den besten Job der Welt!“ und die Kunden sagten „Wir haben das beste Team der Welt!“. Heute sagen beide „Es ist immerhin nicht mehr so schlimm wie früher.“ Das muss aufhören. Wir dürfen uns mit einem „Ausreichend“ nicht zufrieden geben. Für begeisterte Endkunden und Mitarbeiter setze ich gerne meine Energie ein.

JAXenter: Und zum Abschluss einen kleinen Geburtstagsgruß an Agile: Was wünscht du der Agile-Bewegung für die nächsten 15 Jahre?

Stefan Roock: Ich wünsche uns, dass wir den agilen Mindset nicht vergessen vor lauter Mechanik und klar darüber bleiben, was agil wirklich bedeutet.

JAXenter: Vielen Dank für dieses Interview!

roockStefan Roock ist es in seiner Beratungstätigkeit wichtig, dass sich wirklich etwas ändert – hin zu erfolgreichen Unternehmen mit zufriedenen Mitarbeitern, die sich immer neuen Herausforderungen stellen. Stefan hat seit 1999 die Verbreitung agiler Ansätze in Deutschland maßgeblich mit beeinflusst. Zunächst hat er als Entwickler, später als Scrum Master und Product Owner in Scrum-Teams gearbeitet. Heute gibt er seine Erfahrung als Berater und Trainer weiter und hilft Unternehmen dabei, agiler zu werden. Neben seiner Beratungstätigkeit für it-agile ist er regelmäßiger Sprecher zu agilen Themen auf Konferenzen, schreibt Zeitschriftenartikel und hat mehrere Bücher veröffentlicht.
Geschrieben von
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser
Content-Stratege, IT-Redakteur, Storyteller – als Online-Teamlead bei S&S Media ist Hartmut Schlosser immer auf der Suche nach der Geschichte hinter der News. SEO und KPIs isst er zum Frühstück. Satt machen ihn kreative Aktionen, die den Leser bewegen. @hschlosser
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