Interview mit Wolfgang Pleus

Nicht nur die IT muss agil sein

Ann-Cathrin Klose

Wie kann Agile dabei helfen, den Herausforderungen der aktuellen IT-Landschaft zu begegnen? Dieser Frage wird Wolfgang Pleus in seiner JAX-Session nachgehen. Wir haben vorab mit ihm darüber gesprochen, welche Missverständnisse den agilen Wandel bremsen und was den idealen Scrum Master ausmacht. Außerdem verrät Wolfgang uns, welche drei Merkmale der agilen Arbeitsweise für ihn unerlässlich sind.

JAXenter: Agile ist ein großer Trend in Sachen Softwareentwicklung und das bereits seit Jahren. Provokant gefragt: Warum arbeitet noch nicht jedes Unternehmen in der Branche agil, wenn die Methoden so gut sind?

Wolfgang Pleus: Agile Vorgehensweisen bieten Unternehmen viele Vorteile, wenn es darum geht hochwertige Software in kurzer Zeit herzustellen. Diese Art der Entwicklung erfordert ein Umdenken und oft auch einen Kulturwandel in den Organisationen. Das ist nicht immer leicht und kostet unter Umständen viel Zeit. Zudem bedarf es meist eines gewissen Veränderungsdrucks, z. B. durch den Erfolg anderer Marktteilnehmer, um eigene Entwicklungen in Gang zu bringen.

Umdenken und Kulturwandel sind nicht immer leicht und kosten unter Umständen viel Zeit.

JAXenter: Welche Veränderungen am Markt hast du beobachtet, die Unternehmen zur Adaption agiler Methoden treiben?

Wolfgang Pleus: Nehmen wir den Bereich der Finanzdienstleistungen. Hier gibt es die so genannten FinTechs, die mit datengetriebenen Geschäftsmodellen am Markt auftreten und so neue Finanzierungsmodelle oder Möglichkeiten zum Vergleich entwickeln. Diese Unternehmen weisen eine hohe Dynamik auf und können damit in die Domäne etablierter Unternehmen eindringen. Um mit dieser Dynamik mitzuhalten, bieten sich agile Vorgehensweisen an.

JAXenter: In deiner JAX-Session wirst du unter anderem über Mythen rund um Agile sprechen. Woher kommen die vielen Mythen deiner Meinung nach?

Wolfgang Pleus: Agile Frameworks lassen sinnvollerweise viel Freiraum für die Selbstorganisation. In klassischen Organisationen entstehen dabei manchmal Interpretationen, die nicht immer zielführend sind, unter Umständen aber besser in das jeweilige organisatorische Umfeld passen. Ein wesentliches Ziel meines Vortrags besteht darin, ein Bewusstsein dafür zu schaffen worauf es wirklich ankommt, um agil erfolgreich zu sein.

JAXenter: Was für Interpretationen sind das, die in den Unternehmen entstehen?

Wolfgang Pleus: Zum Beispiel, dass agiles Vorgehen nur eine Sache der IT ist. Diese Sicht passt gut in bestehende organisatorische Strukturen, entfaltet aber nicht die Potenziale, die agiles Vorgehen bietet. Durch interdisziplinäre, lernende Teams und konsequente Zielorientierung lässt sich sehr viel erreichen. Dies erfordert allerdings die aktive Unterstützung auch anderer Organisationsbereiche.

JAXenter: Wie wirken sich solche Missverständnisse auf Unternehmen aus, die gerade erst damit anfangen wollen, agil zu arbeiten?

Es ist ein Mythos, dass die Rolle des Scrum Masters einfach ist und prinzipiell von jedem wahrgenommen werden kann.

Wolfgang Pleus: Missverständnisse können zu agilen Implementierungen führen, die wenig Wert hervorbringen. Wichtig ist beispielsweise die qualifizierte Besetzung der Scrum-Master-Rolle. Ohne diese können Teams schnell in einen operativen Modus rutschen, der mit agilem Vorgehen nicht viel zu tun hat. Es ist ein Mythos, dass diese Rolle einfach ist und prinzipiell von jedem wahrgenommen werden kann.

JAXenter: Und wie sieht die optimale Qualifikation eines Scrum Masters für dich aus? Geht es um die spezifische Ausbildung oder muss ein Scrum Master noch mehr können?

Wolfgang Pleus: Der ideale Scrum Master hat viel Erfahrung in der Durchführung von Projekten, am besten klassisch und agil, damit er oder sie den Wert der verschiedenen agilen Artefakte und Techniken in der konkreten Anwendung versteht und diese verinnerlicht hat. Zu dieser Rolle gehört ebenfalls viel Erfahrung im Umgang mit Menschen und im kommunikativen Bereich.

Ich begegne immer wieder unerfahrenen Scrum Mastern, die eventuell sogar stark weisungsgebunden sind. Diese sind in ihren Handlungsoptionen sehr eingeschränkt und können kaum selbstbewusst Verbesserungsimpulse setzen.

JAXenter: Wohin geht der Weg in Sachen Softwareentwicklung jenseits von Agile?

Unternehmen realisieren zunehmend, dass agiles Vorgehen große Teile der Organisation betrifft.

Wolfgang Pleus: Agile Vorgehensweisen waren nie auf Entwicklerteams begrenzt. Die Idee des interdisziplinären Teams ist sehr zentral. Sie findet sich bei Scrum, DevOps oder auch im Design Thinking. Ich meine, Unternehmen realisieren zunehmend, dass agiles Vorgehen, wenn man es ernst meint, große Teile der Organisation betrifft. Hier entstehen Herausforderungen kultureller Art. Diese Themen werden immer wichtiger.

JAXenter: Und zum Schluss: Wie sieht die perfekte Arbeitsweise für dich aus? Worauf kann kein agiles Projekt verzichten?

Wolfgang Pleus: Autonomie, Vertrauen und konstruktive Fehlerkultur sind sehr wichtig. Wenn das gegeben ist kann Lernen und kontinuierliche Verbesserung stattfinden.

JAXenter: Vielen Dank für das Gespräch!

Wolfgang Pleus (PLEUS Consulting) begleitet und realisiert seit über zwanzig Jahren geschäftskritische IT-Projekte im technischen und methodischen Bereich. Seit mehr als zehn Jahren wendet er agile Praktiken und Prinzipien in IT-Projekten an und kennt die damit verbundenen Herausforderungen sehr genau. Er ist zertifiziert als Scrum Master und Scrum Professional.
Geschrieben von
Ann-Cathrin Klose
Ann-Cathrin Klose
Ann-Cathrin Klose studiert allgemeine Sprachwissenschaft, Geschichte und Philosophie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seit Februar 2015 verstärkt sie als redaktionelle Mitarbeiterin die Redaktion bei Software & Support Media. Zuvor war sie als freie Autorin tätig und hat erste redaktionelle Erfahrungen bei einer Tageszeitung gesammelt.
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