Interview mit Gerrit Beine

Agile Coach „werden“ kann heute jeder: Man schreibt es einfach auf seine Visitenkarte!

Moritz Hoffmann

Gerrit Beine

In seinem Talk auf der W-JAX 2015 befasst sich Gerrit Beine mit den Herausforderungen, die das Berufsleben als Agile Coach zwischen Beraterkollegen, Teams und Management mit sich bringt. Seinen Vortrag will er als Fundamentalkritik an agilem Coaching verstanden wissen und einen Wechsel der Perspektiven anregen. Wir haben ihn im Vorfeld zu seiner Sicht auf die Welt des Agile-Coaching befragt.

JAXenter: „Agile Coach zu werden ist nicht schwer… einer sein dagegen sehr“ – So lautet der Titel deiner W-JAX Session. Ohne jetzt ins Philosophische abzudriften, wo liegt denn hier aus deiner Sicht der Unterschied zwischen „Werden“ und „Sein“?

Gerrit Beine: Das ist gar keine philosophische, sondern aus meiner Sicht eine rein praktische Frage. Agile Coach „werden“ kann heute jeder: Man schreibt es einfach auf seine Visitenkarte drauf, fertig. Leider gibt es viele, die genau das glauben. Man hat ein, zwei Projekte als Scrum Master oder Entwickler begleitet, die ganz gut liefen, und glaubt, zu Höherem berufen zu sein.

Das „Sein“ ist aber ungleich schwieriger, man muss sich kontinuierlich bewähren. Und da versagen leider viele selbsternannte Coaches. Entweder, weil ihr eigener Anspruch zu hoch ist – agil wird man nicht von 0 auf 100, das ist ein jahrelanger Weg. Oder aber, weil sie selbst im Herzen nicht agil sind. Ich werde oft mit großen Augen angestarrt, manchmal sogar angefeindet, wenn ich Scrum Master oder Agile Coaches danach frage, woran sie festmachen, dass ihre Teams wertvolle Software liefern. Dabei steht genau das im ersten der agilen Prinzipien.

Gute agile Coaches sind aus meiner Sicht vor allem von Mindset her agil. Sie verstehen die Grautöne und sehen nicht nur schwarz und weiß. Das ist für Menschen aber sehr schwer.

Mehr zum Thema verrät Gerrit Beine auf der W-JAX 2015 in seiner Session:
Agile Coach zu werden ist nicht schwer…

…einer sein dagegen sehr. Aber daran sind wir selbst schuld. Wir wissen, wie es geht und tun das auch beständig kund. Manchmal hören wir auch zu, aber meistens geben wir Antworten. Dass die dann manchmal nicht zur Frage passen, liegt daran, dass die anderen oft einfach noch nicht so weit sind. Besonders Manager haben einen großen Nachholbedarf. Das kann man alles so sehen, muss es aber nicht.

Weitere Programminfos unter: www.w-jax.de

 

JAXenter: Bis heute gibt es immer wieder Relativierungen und Distanzierungen von Seiten prominenter Agile-Pioniere. Beispielsweise hat Dave Thomas „Agile“ für tot erklärt, Andrew Hunt hat mit GROWS ein neues agiles Konzept zur Diskussion gestellt. Es wird nach neuen Methoden und Begriffen gesucht, um die ursprünglichen Impulse mit neuem Leben zu füllen. Was ist deine Einschätzung zu den aktuellen Entwicklungen im Bereich Agile?

Gerrit Beine: Das verfolge ich mit großem Interesse. Agile ist definitiv nicht tot, aber es ist im Mainstream angekommen. Das macht es natürlich weniger attraktiv. Wenn ich heute sage, dass ich agile Projekte mache, bin ich kein Exot mehr. GROWS finde ich extrem spannend, insbesondere weil es sich direkt auf das Prinzip der Antifragilität – eines meiner Steckenpferde – bezieht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in der Softwareentwicklung möglich ist, näher an die Antifragilität zu kommen, als mit den Werten und Prinzipien des Agilen Manifests. Aber meine begrenzte Vorstellung muss ja nicht richtig sein.

JAXenter: Du hast gerade das von Nassim Taleb bekannt gemachte Stichwort Antifragilität angesprochen. Könntest du den Zusammenhang zu den ursprünglichen Ideen des agilen Manifests kurz erläutern?

Gerrit Beine: Dazu muss ich vermutlich kurz erläutern, was Antifragilität ist. Kurz gesagt sind es die Fähigkeiten eines Systems, von Unordnung zu profitieren und sich durch seltene Ereignisse mit starken Auswirkungen zu verbessern [siehe: Beyond Agile – Antifragilität in der Software-Entwicklung]. Die agilen Prinzipien stützen sich in meiner Interpretation auf genau diese Fähigkeiten eines Systems.

Wenn wir Änderungswünsche an der Software, wie sie im 2. Prinzip erwähnt werden, als solche Ereignisse betrachten, reagieren wir als Agilisten im Sinne der Antifragilität. Wir heißen sie willkommen und nutzen sie zum Vorteil des Projektes. Auch im 10. und 11. Prinzip kann man sofort die Idee von antifragilem Verhalten wiederfinden. Dort geht es um Einfachheit und Selbstorganisation. Beides sind Eigenschaften, die ein System antifragiler machen.

Je komplizierter ein System ist, desto fragiler ist es. Und wenn in einem System Selbstorganisation funktioniert, dann kann es sich im Falle einer Störung – so ein seltenes Ereignis – schneller erholen und besser davon lernen, als wenn die Organisation des Systems von außen gesteuert würde. Ich betrachte das Agile Manifest als eine mögliche Inkarnation von antifragiler Software-Entwicklung. Eine bessere kenne ich bislang nicht.

JAXenter: In deinem Talk auf der W-JAX wirst du dich mit den alltäglichen Schwierigkeiten eines Agile Coaches beschäftigen und an kritischen Worten nicht sparen. Als kleiner Ausblick: Was ist so problematisch am agilen Coaching?

Gerrit Beine: Ich habe mich mit diesem Talk schwer getan. Es ist nicht leicht, die Welt, in der man täglich unterwegs ist, kritisch zu hinterfragen. Aber letztendlich müssen wir Agilisten genau das tun. Das agile Coaching per se ist nicht mehr oder weniger problematisch als alles andere, was sich so tut. Was ich allerdings als problematisch erlebe, ist die mangelnde Reflexion, die an vielen Stellen erfolgt. Ich kenne etliche Coaches, die mit einem Ansatz in einem Projekt erfolgreich waren, und diesen dann als Evangelisten in die Welt tragen. Nur kann ich aus dem einen Erfolg keine allgemeine Regel ableiten.

Am heftigsten erlebt habe ich das in einer Diskussion um No Estimates. Da erklärte einer, dass aus seiner Sicht nur User Storys der Größe 1 funktionieren. Ich meinte, dass ich diese Aussage für Blödsinn halte. Seine Antwort war, dass ihm mein Standpunkt zu absolut sei. Solche Anekdoten habe ich haufenweise zu berichten, sie zeigen eine fundamentale Schwäche in der agilen Community.

JAXenter: Warum legst du so großen Wert auf ein richtiges Verständnis des Management in agilen Unternehmen?

Gerrit Beine: Weil ich selbst mal Manager war, Geschäftsführer um genau zu sein. Mit Angestellten und allem drum und dran. Ich erlebe es ständig, dass junge Scrum Master von Seminaren kommen und das Management als ihren Feind betrachten. Damit machen sie sich selbst und ihren Teams das Leben schwer. Wenn ich dann mit agilen Coaches zu tun habe, die die Manager damit nerven, sie müssten etwas für die Motivation ihrer Teams tun, dann muss ich immer schmunzeln.

Ich habe mir vor einigen Jahren einen MBA gegönnt, um die Sprache des Managements zu erlernen. Seitdem kann ich mit dem Net Present Value, Costs of Delay und Abschreibungsmodellen für Software-Architektur-Entscheidungen argumentieren. Damit erreiche ich Manager, das ist die Welt, in der sie Leben. Und eines höre ich immer wieder: Agile Coaches wollen Menschen mitnehmen. Dazu gehören eben auch die Manager.

JAXenter: Was hat dich dazu bewogen, Agile Coach zu werden und warum machst du trotz deiner Fundamentalkritik weiter?

Gerrit Beine: Agile Coach bin ich durch Zufall geworden. Ich vermeide auch die Aussage, ich sei einer, wenn es geht. Meistens sage ich nur, dass ich hin und wieder einer bin. Weiter mache ich, weil es sinnvoll ist und mir Spaß macht. Man könnte also sagen, ich mache nicht trotz meiner Fundamentalkritik weiter, sondern wegen ihr. Meine Kritik bezieht sich ja auch nicht auf agile Methoden, sondern auf die Irrtümer und den Aberglauben des agilen Coachings.

Gerrit Beine ist Managing Consultant bei der adesso AG mit den Schwerpunkten Agilität und Softwarearchitektur. Er ist regelmäßig als Sprecher auf Konferenzen zu treffen und beschäftigt sich gerne mit außergewöhnlichen Fragestellungen zur Softwareentwicklung.

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Moritz Hoffmann
Moritz Hoffmann
Moritz Hoffmann hat an der Goethe Universität Soziologie sowie Buch- und Medienpraxis studiert. Er lebt seit acht Jahren in Frankfurt am Main und arbeitet in der Redaktion von Software und Support Media.
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