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Jugend versus Erfahrung

Wohin mit den älteren Programmierern?

Natali Vlatko

Wenn man bedenkt, dass der Großteil ihrer Arbeit im Sitzen stattfindet, ist es schon ein wenig verwunderlich, dass Programmierer ihre Blütezeit im selben Alter wie Fußballspieler erleben. Worauf können ältere Programmierer also hinarbeiten, wenn sie nicht gerade nach dem Chefsessel schielen?

Sie kennen das: Altersdiskriminierung ist illegal und kommt in der IT-Industrie deshalb natürlich nicht vor…ja klar!

Viele Leute außerhalb der Branche haben den Eindruck, dass jeder Programmierer jung, energiegeladen und voller Ideen ist. Aus irgendeinem Grund wird Potential und „Frische“ ständig mit der jüngeren Programmierergeneration assoziiert. Wie dem auch sei: Die Kernaussage dieses Artikel ist, dass Erfahrung und Weisheit Dinge sind, für die Unternehmen einstehen, ja vielmehr sie hegen und pflegen, sollten.

Jung zu sein gilt in der IT immer noch als cool

Wie sähe die IT aus, wenn sie nicht von einer Flut jungen Blutes umspült werden würde? Zahlreiche Unternehmen lechzen nach der Energie, die junge Programmierer in die Waagschale werfen können, und daran ist erst einmal nichts auszusetzen. Sie gelten als unbeschriebene Blätter, schleppen kein – möglicherweise belastendes – „Technologie-Gepäck“ mit sich herum und sind unglaublich lernwillig. Sie testen Grenzen aus und erweitern sie, schauen über den Tellerrand und machen vielleicht auch den ein oder anderen wirklich dummen Fehler, aus dem andere dann lernen können.

Aber: Das Alter ist häufig auch ein Faktor, wenn ein Unternehmen darauf aus ist, Geld zu sparen. Tolle Neuigkeiten also für alle Grünschnäbel, die frisch von der Hochschule kommen und bereit sind, jeden noch so lausigen Job anzunehmen, der ihnen über den Weg läuft: Dank euch klatschen sich die Firmen selber dafür ab, dass sie ein paar Kröten gespart haben! Was diese Firmen jedoch nicht bedenken ist, dass sie die Aspekte Weisheit und Erfahrung verspielen.

Junge Entwickler müssen und sollen natürlich nach wie vor eingestellt werden – dieser Artikel ist kein Aufruf zum Boykott! Die Industrie braucht die teils rotzfreche Verve, die junge Entwickler an den Tag legen, wenn sie sich selbst, ihre Marke und ihren Arbeitgeber erfolgreich vermarkten. Aber sie sollten auf keinen Fall als die einzige Talentquelle der Industrie betrachtet werden – eine Sichtweise, die bedauerlicherweise vorherrschend ist.

Erfahrung ist ein wertvolles Gut!

Die Nachfrage nach Programmierern ist nach wie vor sehr hoch, schon allein deshalb sollte das Alter keine Rolle spielen. Gewitztere Unternehmen schnappen sich die teureren aber erfahreneren älteren Programmierer, weil diese eine Tiefe aufweisen, die jüngere Programmierer häufig vermissen lassen. Außerdem verleiht es ein Gefühl der Sicherheit, wenn man jemanden einstellt, der bereits auf eine eine ganze Reihe von Referenzen, Erfahrungen und – ja, auch diese – verpfuschten Projekten zurückblicken und unmittelbar in den Code eintauchen kann.

Komplexe Systeme können schnell ins Wanken kommen, sobald sie unter Druck geraten, insbesondere dann, wenn alle Talente, die das System überhaupt erst erschufen, dem Rotstift zum Opfer gefallen sind.

Um im Spiel zu bleiben muss man beständig weiterlernen: Auch wenn unzählige Autoren und Großkopferte diese Tatsache rauf und runter beten, macht sie das nicht weniger relevant. Eine kürzlich von der North Carolina State University durchgeführte Studie, die Daten von Stack Overflow analysierte, kam zu dem Ergebnis, dass das Alter nichts mit den Programmierfähigkeiten zu tun hat. In drei Worten: Nix. Nada. Niente.

Die Daten zeigten, dass die Veteranen des Programmierergewerbes genauso gut wie die Jungspunde darin sind, sich neue Programmiersprachen anzueignen. In einigen Fällen haben sie sogar einen Vorteil:

We observe that programmer reputation scores increase relative to age well into the 50’s, that programmers in their 30’s tend to focus on fewer areas relative to those younger or older in age, and that there is not a strong correlation between age and scores in specific knowledge areas.

Worüber niemand redet: Häufig werden ältere Programmierer in Richtung Management gedrängt – ob sie wollen oder nicht. Wenn sie es von sich aus möchten: Kein Problem! Aber wenn sie dazu genötigt werden, sollte ein ernstes Wörtchen mit dem Chef gewechselt werden. Jeder halbwegs vernünftige Chef wird einen guten Entwickler halten wollen und dessen Wünschen deshalb entgegenkommen; Kommunikation ist alles! Entwickler sind wunderschöne und einzigartige Schneeflocken und sollten auch so behandelt werden!

Die Startup-Szene wimmelt nur so vor Unternehmen, die nach jungen, motivierten Entwicklern suchen, die im Austausch gegen Unternehmensbeteiligungen und die Möglichkeit, an ihrer Karriere zu werkeln dazu bereit sind, für ein Butterbrot zu arbeiten. Aber das sollte keinesfalls der Maßstab sein, an dem sich die gesamte Industrie misst.

Ältere Programmierer verfügen über einen wahren Schatz an Erfahrung und Wissen, den sie bereitwillig mit denjenigen Unternehmen teilen, die eine kluge Personalpolitik betreiben. Entwickler sollten nicht länger von der Vorstellung, dass sie Manager sein sollten, verführt werden, vor allem dann nicht, wenn sie einfach nur Code raushauen wollen. Jugend als Wert allein sollte nicht der Standard sein.

Lesen Sie zum Themenkomplex „Alter, Wissen und Erfahrung“ auch unsere Artikel „IT-Wissen: Nach 5 Jahren obsolet?“ und Alte Hasen und junges Gemüse: Die Altersstruktur der Softwarebranche„.

Der Originalartikel erschien auf Jaxenter.com

Aufmacherbild: Finding solutions algorithm of programming languages von Shutterstock.com / Urheberrecht: Shaiith

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Geschrieben von
Natali Vlatko

Nach einer zweijährigen Liebesaffäre mit Singapur nennt die Australierin Natali Vlatko nun Berlin ihr Zuhause. Sie ist Redakteurin bei JAXenter.com und venarrt in Rollenspiele, animierte Gifs und Bitcoin.

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