Nachruf

Abschied von Pieter Hintjens

Sebastian Meyen

Pieter Hintjens ist tot. Er verstarb diese Woche auf eigenen Wunsch, nachdem er im April erfahren musste, dass er an einem agressiven Tumor im fortgeschrittenen Stadium erkrankt war. In seinem Heimatland Belgien ist die Sterbehilfe in solchen Fällen legal.

Pieter war den Meisten als Gründer des ZeroMQ-Projekts bekannt, aber er war auch ein umtriebiger Kämpfer für den Open-Source-Gedanken, aktiver Gegner von Softwarepatenten und inspirierender Denker über offene Systeme jeglicher Art. Zwei Mal war er als Speaker auf unseren JAX-Konferenzen (in Mainz und in London) zu Gast und erst im März dieses Jahres hielt er eine Keynote auf unserer Internet of Things Conference in München.

Jetzt ist er nicht mehr Teil unserer Software-Community, in die er so viele wertvolle Impulse gesendet hat; eine neue Erfahrung für unsere im Grunde noch so junge Branche.

Pieter war ein Realist, der in klaren und analytischen Worten auf Twitter und seinem Blog das Protokoll seiner Krankheit und seines Abschieds vom Leben mitgeteilt hat. Durch seine Texte auf hintjens.com hat er aber auch Einblick in seine Gefühlswelt gegeben, sein Abschiednehmen von den eigenen Kindern, seine Rückblicke auf das Leben.

Nach seiner ersten Chemotherapie bemerkte er am 4. Mai:

To be clear, I’m not resigned, hopeless, or fatalistic. I’m absolutely determined to beat this cancer, by sheer force of will, and blind hope in the miraculous. This is how I’m designed, like a unbreakable self-righting toy. Put me into any situation, no matter how impossible, and I will always find a way to make things work. Yet I know that I’m bullshitting myself in this case. „Always“ only ever means, „so far, so good.“

Das Internet diente ihm als liebste Metapher dafür, dass sich letztendlich nur die offenen Systeme global und langfristig durchsetzen: kein proprietärer Ansatz, kein geschlossenes System eines einzigen Herstellers oder Konsortiums hätten je die Grundlage für dieses weltumspannende und lebendige System bieten können. „Lebendige Systeme sind wie die freie Wirtschaft: Dezentral, robust, ungeplant und im Besitz aller Beteiligten“ sagte er während seiner Keynote bei uns.

Persönlich hat mich in Gesprächen mit ihm fasziniert, wie illusionslos er über die Globalisierung in technischer Hinsicht dachte. Während die meisten Europäer über China noch immer als verlängerte Werkbank unserer Industrie sprechen, konnte er erläutern, wie radikal-innovativ chinesische Hardware-Designer mit neuen Produktideen auf den Markt drängen und dabei unter Beweis stellen, dass kurze Iterationen und Prinzipien des Continuous Delivery sich nicht nur bei Software umsetzen lassen.

Am vergangenen Dienstag kündigte er auf Twitter seinen Todestermin an und seitdem ist die Welt um einen brillianten Intellektuellen und einen exzellenten Techniker ärmer. Unser Mitgefühl gilt seiner Familie, für die man übrigens via Paypal (ph@imatix.com) spenden kann.

Ruhe in Frieden, Pieter.

Pieter Hintjens, 03.12.1962 - 04.10.2016

Pieter Hintjens, 03.12.1962 – 04.10.2016

Geschrieben von
Sebastian Meyen
Sebastian Meyen
Sebastian Meyen ist Chefredakteur des Java Magazins sowie des Eclipse Magazins. Außerdem trägt er die Verantwortung für Programm und Konzept sämtlicher JAX-Konferenzen weltweit. Er begleitet so die Java-Community journalistisch schon fast seit ihren Anfängen. Bevor er zur Software & Support Media GmbH kam, studierte er Philosophie in Frankfurt.
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