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Interview mit Dr. Marcus Winteroll

A, B oder C: Wie sich Entscheidungen modellieren lassen

Mirko Schrempp

Dr. Marcus Winteroll

Das Treffen von Entscheidungen bestimmt den Alltag unseres Arbeitslebens – doch vielen fällt genau das schwer. Nun hat die OMG mit der Decision Model and Notation (DMN) einen Standard veröffentlicht, der hier Hilfestellung leisten soll. Was der DMN-Standard beinhaltet, und inwiefern man Entscheidungen überhaupt modellieren kann, haben wir mit Dr. Marcus Winteroll (oose Innovative Informatik eG und Trainer auf den BPM & Integration Days) besprochen.

JAXenter: Hallo Herr Winteroll. Kann man Entscheidungen überhaupt modellieren?

Marcus Winteroll: Dazu müssen wir erst mal klären, was es heißen soll, eine Entscheidung zu modellieren. Mit der DMN werden bestimmte Strukturaspekte von Entscheidungen beschrieben, z.B.: Welche Informationen werden benötigt? Welche Entscheidungen werden vorausgesetzt? Welche Vorgaben sind zu beachten. Welche Regeln sind anzuwenden?

Entscheidungen zu modellieren heißt also nicht, Entscheidungen zu treffen, sondern sie zu beschreiben. Das ist in der Regel nur interessant, wenn diese Entscheidungen immer wieder zu treffen sind. Also z.B. soll ein Kredit gewährt werden? Oder welche Abweichung von einem Plan sind akzeptabel? D.h. es geht hier primär um Entscheidungen, die wir beim Ablauf von Geschäftsprozessen treffen.

Wie der gesamte Lebenszyklus eines Projekts zur Geschäftsprozessautomatisierung abläuft, erklärt Dr. Marcus Winteroll auf den BPM & Integration Days vom 28. bis 29. September in Berlin. Während des Intensivtrainings stellen die Trainer beispielhaft den gesamten Lebenszyklus eines Projekts zur Geschäftsprozessautomatisierung vor.

Weitere Programminfos unter: www.bpm-integration-days.de

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JAXenter: Wobei hilft die Decision Model and Notation (DMN) im Entscheidungsprozess genau?

Marcus Winteroll: Wenn ich mittels der DMN die Struktur von Entscheidungen verstehe, kann ich z.B. die Einbettung in den Geschäftsprozess prüfen: Liegen die für die Entscheidung notwendigen Informationen dann wirklich schon alle vor? Sind alle vorausgesetzten Entscheidungen getroffen? Ist sichergestellt, dass bestimmte Vorgaben, etwa durch den Gesetzgeber, erfüllt sind? Gibt es ein einheitliches Entscheidungsverfahren, das alle Bearbeiter anwenden? Welche Regeln muss er kennen?

Darüber hinaus kann eine formalisierte DMN-Beschreibung durch Process und Rule Engines genutzt werden, um die Entscheidungslogik zu automatisieren. Mit dem Business Rule Task bietet die BPMN auch die passende Schnittstelle für die DMN-Modelle.

JAXenter: Und die DMN ist das Werkzeug, um wirklich alle Unklarheiten zu beseitigen?

Marcus Winteroll: Natürlich nicht, um für jede Art von Entscheidung jede Art von Unklarheit zu beseitigen. Ich beseitige Unklarheit bezüglich einer Entscheidung in dem Maß, in dem ich die Entscheidung beschreibe; also je nachdem wie vollständig und detailliert die Beschreibung ist. Es ist aber selten sinnvoll, jede denkbare Unklarheit zu beseitigen. Vielleicht will ich ja nur sicherstellen, dass bestimmte gesetzliche Vorgaben eingehalten werden – dafür muss ich nicht die Entscheidungslogik beschreiben. Oder ich will das DMN-Modell nur für Automatisierung nutzen – dann werden die gesetzlichen Vorgaben nicht Teil des Modells sein. Und es ist auch selten sinnvoll, jeden noch so abseitigen, aber denkbaren Ausnahmefall in das Modell zu integrieren.

JAXenter: Wie sieht es mit der Lernkurve aus, wie sind da die Erfahrungswerte aus Seminaren und Projekten?

Marcus Winteroll: Ein einfaches Modell zu erstellen, das beschreibt, welche Informationen eine Entscheidung braucht und wie sie mit anderen Entscheidungen zusammenhängt, fällt den meisten Anwendern leicht. Schwieriger wird es schon bei Entscheidungstabellen. Hier bietet die DMN zahlreiche Möglichkeiten, die weit darüber hinausgehen, was man sonst so von Entscheidungstabellen kennt. Diese zu nutzen, erfordert schon eine sehr analytische Vorgehensweise.

Und wie bei den meisten Modellierungssprachen gilt auch hier: je mehr Möglichkeiten der Modellierer nutzt, desto schwerer ist das Ergebnis zu verstehen. Insbesondere der Anspruch der DMN-Autoren, eine einheitliche Notation für Fachleute, Analytiker und Techniker zu schaffen, leidet dann.

JAXenter: Sie thematisieren DMN auch im Rahmen der BPM Integration Days. Welche Rolle spielt DMN im Zusammenspiel mit dort ebenfalls behandelten Themen wie BPM, CMMN und ACM? 

Marcus Winteroll: Wir erläutern dort die genannten Konzepte an einem durchgängigen Beispiel, so dass deutlich wird, wie sich die DMN-Beschreibungen in die strukturierten BPMN-Modelle einfügen und wie sie mit den flexiblen Abläufen zusammenspielen, welche wir mit der CMMN modellieren.

JAXenter: Vielen Dank für dieses Interview!

Dr. Marcus Winteroll ist Mitglied der oose Innovative Informatik eG und beschäftigt sich als Trainer und Berater mit der Analyse sowie Verbesserung von Geschäfts- und Entwicklungsprozessen. Dazu setzt er auf agile Methoden, aber auch die klassischen Vorgehensweisen sind ihm aus seiner langjährigen Erfahrung als Projektleiter, Prozessmanager, Analytiker, Qualitätssicherer und Entwickler vertraut. Seine Erfahrungen berichtet er als Sprecher auf Konferenzen und Autor von Fachartikeln. Außerdem ist er Fragenschreiber für das BPM-Zertifikat der OMG (OCEB2).
Geschrieben von
Mirko Schrempp
Mirko Schrempp
Mirko Schrempp ist Redakteur für den Windows Developer, das Business Technology Magazin und das SharePoint Kompendium.
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