Bei StudiVZ verhält es sich allerdings anders, denn das Portal hat mit dem Holtzbrinck-Verlag auch einen starken Player im Hintergrund. Grundsätzlich gilt: Wenn man (als Softwareunternehmen) auf den globalen Markt möchte, braucht man ein Team, das die Internationalisierung wirklich will. Wir finden in Deutschland häufig mittelständische IT-Strukturen und Firmen vor, die sich mit den deutschen Märkten zufriedengeben und deshalb eine Internationalisierung gar nicht verfolgen. Diese Firmen verschwinden aber oft von der Bildfläche, wenn dagegen die ambitionierteren Unternehmen mit dem Willen zur Internationalisierung antreten – verbunden mit viel größeren Mengeneffekten und der Möglichkeit, die Entwicklungskosten auf größere Einheit umzulegen.

Fehlt uns in Deutschland diese Art zu Denken?

Scheer: Ja, in der IT-Branche haben wir das noch nicht geschafft. In anderen Branchen sind wir besser. Zwar gibt es auch im Maschinenbau mittelständische Strukturen, doch viele der Nischenanbieter sind weltweit bekannt. Diese Firmen haben dieses Denken schon gehabt. Ich kann nicht systematisch bestimmen, woran es in der Informationstechnologie gelegen hat. Es hat sich jedenfalls nicht bewährt, dass beim Aufkommen einer neuen Industrie wie der IT-Branche diese von alteingesessenen Unternehmen aus einer verwandten Branche in Form von neuen Bereichen mit angegliedert wird. Die Kultur passte einfach nicht zusammen. Ein Beweis für diese These ist, dass fast alle erfolgreichen Unternehmen im IT-Sektor Neugründungen waren und aus einer eigenständigen Idee heraus entstanden sind.

Liegen in den Web-2.0- beziehungsweise Enterprise-2.0-Technologien solche Chancen, die wir nutzen sollten?

Scheer: Um vor dem Gros des Marktes auf einer Welle zu sein, braucht man eine gewisse Zukunftsgläubigkeit und Naivität. Es ist bezeichnend, dass die Web-2.0-Unternehmen nicht von 50jährigen gegründet werden, sondern von jungen Leuten. Die steigen mit krausen Ideen ein, lassen sich nicht von der Tradition leiten und sind damit auch erfolgreich. Im 2.0-Umfeld verändern sich die Rollen, die strenge Unterscheidung zwischen Produzenten und Konsumenten entfällt: Jeder ist beides – produziert Content und konsumiert ihn auch. Die Businessmodelle sind sicher noch nicht ausgereift. Es ist zum Beispiel fraglich, ob diese Firmen und Anwendungen dauerhaft nur von der Werbung unterhalten werden können. Über kurz oder lang muss ein Unternehmen selbst Produkte herstellen, die einen Preis haben und die man auch verkaufen kann.

Für Unternehmensstrukturen entsteht eine Art Demokratisierungswelle. Unternehmen sind eher das Gegenteil von Web 2.0, weil sie tendenziell eine zentralistische Struktur haben und einem hierarchischen Prinzip folgen. In der Evolution hat sich gezeigt, dass diese Organisationsprinzipien Vorteile gegenüber einer rein, sagen wir, freiwilligen Koordination haben. Diese hat es in der Menschheitsgeschichte auch gegeben, wie etwa die Tauschwirtschaft auf einer völlig dezentralen Ebene. Doch wurde deutlich, dass man produktiver ist, wenn man in definierten Organisationsformen zusammenarbeitet und Skaleneffekte hat. Dadurch sind Unternehmen entstanden, die eine ökonomische Begründung haben. Insofern werden sie sich auch nicht so schnell auflösen. Aber es wird sicher in der Form der Zusammenarbeit zwischen und auch innerhalb von Unternehmen neue Ansätze geben. Kommunikationsstrukturen werden flacher oder es wird neben den formalen auch informale Organisationsstrukturen geben. Dummerweise laufen wir auch bei diesem Thema dem Trend wieder hinterher.

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.