Wo liegen da die Haupthindernisse – bei der Politik?

Scheer: Ich weiß es auch nicht genau. Die Politik sagt, sie sei nicht richtig zuständig. Wir haben in Deutschland keine echte Industriepolitik, die solche Konzepte aufnehmen kann. Aus dem Wirtschaftsministerium kommen Bedenken, wie man die 100 finden könnte, ohne dabei Gleichheitsgrundsätze zu verletzen. Zu umständlich sei es außerdem.

Wir haben in Deutschland natürlich auch Erfolge – in den klassischen Industrien, die durchweg exportgetrieben sind. Darauf kann man ruhig stolz sein. Allerdings gilt es auch zu bedenken, dass im Moment das Wachstum außerhalb von Deutschland so stark ist, dass uns alle Produkte aus den Händen gerissen werden. Was passiert jedoch, wenn sich diese Situation ändert? Haben wir dann noch die Wettbewerbsfähigkeit? Wir sollten unseren Exporterfolg nutzen, um unsere Hausaufgaben zu machen, also unsere Strukturen überprüfen, ob wir wirklich international wettbewerbsfähig sind – auch auf Dauer.

Das betrifft beispielsweise unsere Kommunikationsnetze. In den Städten haben wir DSL-Anschlüsse, aber auf dem platten Land nicht. Wir laufen Gefahr, in eine Zweiklassengesellschaft zu zerfallen. Dabei gibt es Lösungsmöglichkeiten – Stichwort: digitale Dividende. Durch die Umstellung von TV und Radio auf digitale Übertragung werden Frequenzen frei. Diese könnte man für Funkverbindungen nutzen, um auch auf dem Land Breitbandanschlüsse anzubieten. Damit geht man in Deutschland natürlich ans Eingemachte. Rundfunk ist bei uns zum Teil Ländersache, und die Rundfunkanstalten halten an ihren Frequenzen fest. Die Politik könnte darauf einwirken, dass solche Frequenzen für den Datenverkehr freigegeben werden. Damit würde Deutschland einen Schub nach vorne bekommen.

Damit würde natürlich auch die Zahl der möglichen Mitspieler auf dem Markt erweitert?

Scheer: Ja, das hätte Konsequenzen für die Ansiedlungspolitik. Wenn ein Bürgermeister auf dem platten Land Unternehmen ansiedeln will, es aber keinen schnellen Internetzugang gibt, dann fehlt ihm ein wichtiger Wettbewerbsfaktor. Manche Firmen haben sich ihren Anschluss sogar selbst legen lassen. Das kann nicht sein. Wir brauchen eine Konzeption für unsere Infrastruktur. Das betrifft unser Straßensystem genauso. Wir haben in den neuen Bundesländern viel investiert, aber inzwischen sind unsere westlichen Straßen marode geworden. Es gibt noch viel zu tun.

Noch mal zurück zu neuen Entwicklungen. Stichwort Internet. Deutsche Firmen sind da vor allem beim Kopieren amerikanischer Erfolge vorne – ein Beispiel ist der Facebook-Klon StudiVZ. Was müsste man da in Deutschland besser machen?

Scheer: Vom Kopieren halte ich nicht viel. Man muss vom Kopieren zum Kapieren kommen und dann die Innovation selbst machen. Das haben die Japaner im Großen vorgemacht, die auch erst durch die Gegend gelaufen sind und fotografiert haben. Hinterher sind sie aus dem Verstehen heraus zu eigenen Ideen gekommen. Mit China wird das wahrscheinlich genauso passieren. Außerdem ist die Bedeutung des Kopierens dort anders als bei uns. Wenn Sie in China jemanden kopieren, bedeutet das auch eine gewisse Ehrerbietung. Das ist aber ein anderes Thema.

Kopierte Geschäftsmodelle sind immer fragil. Die Gefahr, dass man von den amerikanischen Originalen, die um den Faktor zehn oder mehr größer sind, irgendwann vom Markt verdrängt wird, ist sehr groß. Das wurde am Beispiel von Ebay und den deutschen Internet-Auktionshäusern deutlich. Ich habe das umgedreht und gefragt: Warum haben diese eigentlich nicht Ebay gekauft? Was ich damit sagen will: Es wird fast schon als Naturgesetz akzeptiert, dass amerikanische Unternehmen die lokalen Anbieter aufkaufen oder verdrängen. Die Frage ist, wie man sich dagegen wehren kann. Kopieren nützt nichts, weil einem der Startvorteil fehlt, eine neuartige Idee umzusetzen – so wie es uns mit IDS Scheer gelungen ist.

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