9 Prinzipien für die IT des 21. Jahrhunderts

Hartmut Schlosser

Bekanntlich hat das IT Team von Barack Obama bei der US Präsidentschaftswahl 2012 das Team des Konkurrenten Romney ziemlich alt aussehen lassen. Bessere Qualität, bessere Funktionalität, bessere Performance – und das ganze mit signifikant besseren Kampagnen-Ergebnissen bei einem viel geringeren Kostenaufwand.

Viele haben in der Arbeitsweise Romneys IT-Gruppe die alte Schule gesehen, während Obamas Team die Lehren von Trend-Setter wie Netflix oder Facebook eingezogen hätten. Dass diese Lehren eben nicht nur für „belanglose Unterhaltungsapps“ relevant sind, sondern auch in ernsthaften Szenarien greifen können, dürfte einigen Hardlinern jetzt endgültig klar geworden sein. Überall dort, wo Kommunikation gefragt ist, sind die leichtgewichtigen, reaktionsschnellen Werkzeuge der Social-Media-Schule den alten, bedächtigen Software-Monolithen überlegen.

In einem viel beachteten Blog-Eintrag sieht Jeff Sussna auf die IT-Kampagnen der Präsidentschaftswahl, diesen „seismischen Moment“ der IT-Geschichte, zurück und versucht, Prinzipien einer neuen Schule abzuleiten. Herausgekommen ist ein Manifest für die „IT des 21. Jahrhunderts“, das die folgenden Punkte enthält:

  • Wir stellen Flexibilität über Stabilität: Da sowohl externe wie interne Strukturen komplex und veränderlich sind, ist mit Fehlern immer zu rechnen. Sie sollten nicht als Ausnahmen sondern als erwartete Ereignisse behandelt werden.
  • Wir stellen die „mittlere Reparaturzeit“ (Mean Time To Repair – MTTR) über das Maximieren der „mittleren Zeit zwischen Ausfällen“ (Mean Time Between Failures – MTBF).
  • Wir stellen Elastizität über Planung: Elastizität behandelt das Unvorhergesehene als den Plan.
  • Wir stellen leichtgewichtige Tools über umfassende Lösungen.
  • Wir stellen lose Kopplung über Koordination: Je komplizierter eine Situation ist, desto aufwändiger ist die Koordination und desto fragiler wird eine koordinierte Lösung. Anpassbarkeit ist eher gegeben, wenn Komponenten unabhängig voneinander funktionieren und Koordination nur dann eingesetzt wird, wenn notwendig.
  • Wir stellen ständige Innovation über Best Practices: Der traditionelle Weg, Best Practices zu definieren und umzusetzen, kann niemals mit der Notwendigkeit des ständigen Wandels mithalten. Besser sollte Innovation selbst eine ständige Praxis sein.
  • Wir stellen Diversität über Monokultur: Der Zwang, nur ein bestimmtes Set an Werkzeugen und Methoden einzusetzen, reduziert die Möglichkeiten des Lernens, der Veränderung und der Innovation.
  • Wir stellen Open Source Communitys über hierarchische Organisationen: Das Open-Source-Modell bietet einen Mechanismus, um die scheinbar konfligierenden Bedürfnisse nach Kohärenz und Flexibilität miteinander in Einklang zu bringen.
  • Wir stellen den einheitlichen Zweck über Separation und Spezialisierung: Der übergeordnete Zweck ist, dem Kunden zu Diensten zu sein. Neue Funktionalität, die Qualität der Funktionen, die Bedienbarkeit und die Kommunikation mit den Kunden sind alle untrennbar miteinander verbunden – und so sollen es auch die Personen, die Prozesse und Tools sein, die diese Dinge bereit stellen sollen.

Diese strukturell an das agile Manifest angelehnten 9 Prinzipien machen laut Jeff Sussna die wesentlichen Charakteristika einer neuen IT aus – Sussna nennt sie die „post-industrielle“ oder „adaptive“ IT. Einige Überschneidungen mit den agilen Lehren oder der DevOps-Bewegung sind zwar offensichtlich. Schön auf den Punkt gebracht sind die Dinge aber schon. Fragen kann man allerdings, ob diese Prinzipien tatsächlich allgemeingültig auf alle Einsatzbereiche der IT anwendbar sind, sodass sie ein neues Manifest rechtfertigen. Könnten die Punkte gültig überall dort sein, wo wie bei einer Präsidentschaftswahl die Kommunikation und Kunden-Interaktion eine große Rolle spielen, dürfte man in anderen IT-Szenarien durchaus andere Schwerpunkte setzen wollen. Wie sieht es denn beispielsweise in eingebetteten Systemen aus, wo die Ausfallsicherheit das A und O ist?

Geschrieben von
Hartmut Schlosser
Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.