Retrospektiven – wider die Macht der Verdrängung!

8 Rezepte für eine erfolgreiche Rückschau

Christiane Philipps

Eine der Techniken, die am schnellsten wieder aus dem Terminkalender gestrichen wird ist die Retrospektive. Der Scrum-Trainer hat noch nicht ganz den Raum verlassen, da werden die ersten Stimmen laut, dass Rückschau doch Zeitverschwendung sei. Angenehmes ist selbstverständlich, Unangenehmes will schnell vergessen werden. Retrospektive klingt für viele Menschen nach Fingerpointing. Dabei kann es auch anders gehen und die Betrachtung der Vergangenheit Spaß machen und Nutzen für die zukünftige Arbeit bringen.

Wenn ich von Zeit zu Zeit den Blick für das „Große Ganze“ verliere und im Strudel des Alltags unterzugehen drohe, dann möchte ich mir selbst zur Warnung in Riesenlettern „Step Back & Reflect!“ an die nächste Wand schreiben, die ich vor Augen habe. „Step Back and Reflect“ ist eine meiner Leitmaximen und soll mich immer wieder daran erinnern, innezuhalten, aus meiner Alltagssituation herauszutreten und die Dinge von außen zu beschauen, um so wieder einen klaren Kopf für das Wesentliche zu bekommen. „Step Back and Reflect“, das gilt für alle Lebenslagen, wenn ich aus der Vergangenheit und Gegenwart Lehren für die Zukunft ziehen will. Besonders aber in agilen, also iterativen, Vorgehensweisen bieten sich Retrospektiven an. Denn genau darum geht es hier: Ein bewusstes Innehalten zu ritualisieren, sich als Team in regelmäßigen Abständen die Zeit zu nehmen, einen Schritt zurückzutreten und über Vergangenes zu reflektieren, mit dem Ziel, für die Zukunft daraus zu lernen. Bezogen auf Scrum bedeutet dies: Eine gemeinsame Rückschau auf einen vergangenen Sprint, mit dem Ziel, die guten und schlechten Kriterien zu identifizieren, die die Arbeit erschwert oder erleichtert haben, um so konkrete Handlungsmaßnahmen zu identifizieren und eine dauerhafte Verbesserung zu erfahren.

Doch Retrospektiven sind nicht nur Bestandteil von Scrum, sondern nahezu aller agilen Arbeitsweisen. Natürlich gibt es Ähnliches auch im klassischen Projektmanagement, dort als „Lessons Learned“ oder als „Post-Mortem-Analyse“ bezeichnet. Aber der generelle Unterschied liegt zum einen darin, dass in iterativen Arbeitsweisen nicht erst am Ende eines Projekts Rückschau gehalten wird, sondern meistens schon mittendrin. Das bedeutet, dass die Beteiligten die Lernerfahrung bereits in das noch laufende Projekt integrieren können. Ein anderer Unterschied ist nach meiner Erfahrung, dass diese Betrachtungen im klassischen Projektmanagement nicht von einem besonderen Teamgeist begleitet werden. Das führt oft dazu, dass in diesen Fällen die Retrospektiven frei nach Clausewitz die Fortsetzung der Firmenpolitik mit anderen Mitteln sind, oftmals, weil die Beteiligten es einfach nicht besser wissen. Allein schon Namen wie „Post-Mortem-Analyse“ regen nicht unbedingt dazu an, energiegeladen und konstruktiv in eine Rückschau zu gehen. Ein dritter Unterschied ist auch meist die personelle Besetzung dieser Treffen. Doch dazu später.

Was macht eine Retrospektive erfolgreich?

Als ich begann, agil zu arbeiten, dachte ich, die Welt müsse voll sein von Teams, die engagiert und mit Freuden ihren Retrospektiven entgegenfiebern. Mitnichten. Immer wieder höre ich, dass in vielen Teams die Retrospektiven gemieden werden wie die Pest oder als belanglos belächelt, als überflüssiges Gerede abgetan. Warum ist das so? Weil die Retrospektiven dieser Teams nicht gut und nicht hilfreich sind. Weil bei ihrer Durchführung unbemerkt grobe Fehler gemacht werden, die das Gegenteil der eigentlichen Absicht bewirken. Oder weil vielen Retrospektiven einfach nicht die nötige Aufmerksamkeit zuteil wird. Das alles führt dazu, dass der Aha-Effekt ausbleibt. Dabei ist es nicht schwer, die Rückschau erfolgreich zu gestalten. Es gibt zwar nicht das eine Patentrezept für eine gute Retrospektive. Fragt man 20 Scrum Master, was eine gute „Retro“ ausmacht, wird man wahrscheinlich 20 verschiedene Antworten bekommen. Aber es gibt eine Handvoll Kriterien, auf die man achten sollte. Ein paar goldene Regeln sowie einige Antipatterns, die man besser vermeidet. Wenn man dies beachtet, steht einem ein bunter Koffer voller Möglichkeiten zur Verfügung, dieses wichtige Meeting erfolgreich zu gestalten.

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Christiane Philipps
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