Interview mit Thomas Schissler

„Ich habe hunderte von Argumenten gehört, warum DevOps nicht funktionieren wird“

Redaktion JAXenter

Thomas Schissler

Es ist ein großes Vorurteil, dass häufige Releases nur bei großen Internetplattformen funktionieren. Dieses Gerücht möchte Thomas Schissler in seinem Talk auf der DevOpsConference im Juni, am Beispiel von Software für den Maschinenbau, widerlegen. Einen kleinen Vorgeschmack gibt er uns im Interview.

JAXenter: Du zeigst in deiner Session „DevOps im Maschinenbau„, dass Continuous Delivery nicht nur bei den angesagten Internet-Plattformen geht. Ich frage mal anders herum: Weshalb sollte es beim Maschinenbau nicht gehen? Welche besonderen Bedingungen gilt es in diesem Bereich zu beachten, die häufigen Releases erst einmal entgegen stehen?

Thomas Schissler: Oh, wo soll ich da anfangen? Seit ich das Thema DevOps propagiere, habe ich hunderte von Argumenten gehört, warum das nicht funktionieren wird. Die meisten davon kommen aus dem Bereich Maschinenbau. Beispiele sind die fehlende Internetanbindung der Anlage, auf der die Software ausgeführt wird, fehlende Zeitfenster für die Aktualisierung, die Angst, den Produktionsbetrieb zu stören und damit verbundene Regressforderungen usw.

Ich glaube, das sind alles Punkte, die wir auch in anderen Bereichen vorfinden, aber im Maschinenbau sind diese Herausforderungen oftmals besonders groß, wie z.B. notwendige TÜV-Freigaben für sicherheitsrelevante Anlagenteile. Hier können schlimmstenfalls Menschenleben durch Software gefährdet werden. Da ist einiges an Kreativität gefragt, um die Vorteile von Continous Delivery dennoch nutzen zu können.

JAXenter: Kannst du das Maschinenbau-Beispiel ein wenig ausführen? Wie würde hier eine Continuous Delivery Pipeline umgesetzt?

Thomas Schissler: Natürlich hängt das sehr von dem jeweiligen Szenario ab. Zunächst geht es darum, die Transformation hin zu Continous Delivery in kleine, verträgliche Häppchen aufzuteilen. Wir beginnen also nicht damit, die Anlagensoftware als Ganzes häufig zu aktualisieren, sondern wir identifizieren weniger kritische Teile und beginnen zunächst einmal damit. Dort können wir dann beginnen, zunächst einmal Infrastrukturherausforderungen zu lösen. Wie kommen Updates auf die Maschine? Wie können wir erkennen, ob es Probleme gibt? Von dieser Basis aus können wir das Ganze dann auf weitere Bereiche ausdehnen.

JAXenter: Es ergeben sich durch häufige Releases ganz neue Businessmodelle, sagst du – kannst du ein Beispiel nennen?

Thomas Schissler: Ich will da nicht zu viel verraten, die Leute sollen ja in meinen Vortrag kommen – aber ja, ich denke, dass der Maschinenbau hier insgesamt umdenken und sich neu aufstellen muss. Heute ist Software oft ein Teil der ganzen Maschine und, ähnlich wie ein Antrieb, notwendig zu deren Betrieb. Software wird immer mehr zu einem Differentiator werden. Hier müssen die Maschinenbauer lernen, die Vorteile von Software besser zu nutzen. Und einer der Vorteile ist, dass wir Innovationen und Weiterentwicklungen auch unseren Bestandskunden zukommen lassen können – im Gegensatz zur Maschine selbst. Dadurch ergeben sich neue Möglichkeiten der Monetarisierung, angefangen bei klassischen Wartungsverträgen bis hin zu Dienstleistungen, die der Hersteller der Maschine mit Hilfe von Software zusätzlich anbieten kann.

JAXenter: Du sprichst ja auf einer DevOps-Konferenz: Was ist für dich das Wesentliche an DevOps? Continuous Delivery ist ja nur ein Teil davon!

Thomas Schissler: Absolut. Für mich ist DevOps die Ausdehnung von agilen Prinzipien auf den gesamten Unternehmenskontext. Während wir bisher Agilität hauptsächlich auf Ebene der Entwicklungsteams gesehen haben, geht es bei DevOps darum, alle Bereiche eines Unternehmens, die an der Erstellung von Software beteiligt sind, so abzustimmen, dass wir uns auf die Maximierung von Kunden- und Unternehmensnutzen fokussieren. Und das funktioniert am besten, wenn wir in kurzen Zyklen entwickeln und unsere Software an unsere Anwender ausliefern. DevOps ist für mich viel mehr als nur eine engere Zusammenarbeit zwischen der Entwicklung (Dev) und den Leuten, die für den Betrieb der Software zuständig sind (Ops).

JAXenter: Welche Message willst du in deiner Session verbreiten, die jeder Teilnehmer mit nach Hause nehmen sollte?

Thomas Schissler: Wenn DevOps sogar im Maschinenbau funktionieren kann, dann funktioniert es überall. Es gibt also keine Ausrede mehr, das Thema für sich auszublenden. DevOps ist aktive Zukunftssicherung für Software-Unternehmen. Die Herausforderungen sind riesig, aber es gibt keine Alternative dazu. Und wir müssen jetzt beginnen, diese Herausforderungen anzunehmen und an Lösungen zu arbeiten. Also eine Session nicht nur für Maschinenbauer; ich denke jeder findet hier Anregungen für seine weitere Entwicklung.

JAXenter: Vielen Dank für dieses Interview!

56a64b7adcb76c08727da21cversion51sizefullEffiziente Softwareentwicklung, das ist seit 1996 das Streben von Thomas Schissler, seit 2005 ausschließlich mit agilen Methoden. DevOps ist für ihn die Ausdehnung von Agilität auf den gesamten Unternehmenskontext, wo durch kurze Auslieferungszyklen und schnelle Feedbackschleifen die gesamte Organisation lernen kann. Als Berater, Coach und Sprecher nutzt er seine Erfahrungen in diesem Bereich, um bei Unternehmen Transformationen in diesem Sinne zu initiieren und zu begleiten.
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