Retrospektive

10 Jahre Java

Bernhard Löwenstein

Herzlich willkommen zu einer weiteren Zeitreise in die Vergangenheit. Im Fokus steht dieses Mal das Java Magazin 4.2005. Beim Öffnen des Heftes springt einem gleich eine Oracle-Anzeige mit dem Slogan „All your databases in a grid – no wasted capacity, no wasted money, no single point of failure“ entgegen. Das erinnert stark an die aktuellen Werbeeinschaltungen, die sich dabei allerdings auf die Wolke berufen. Jedenfalls wird klar, warum Oracles CEO Larry Ellison unlängst meinte, dass Cloud Computing nichts grundlegend Neues sei und seine Firma diesen Ansatz schon immer verfolgt habe.

Das Hauptthema der mit 122 Seiten extra dicken Ausgabe war der zehnte Geburtstag von Java. Die Redaktion ließ aus diesem Anlass einige Experten über ihre ersten Schritte mit Java berichten. Mit James Gosling, einem der Java-Urväter, kam auch jener Mann zu Wort, der für die Java-Community über viele Jahre eine ähnliche Bedeutung hatte wie Papa Schlumpf für Schlumpfhausen: Was er sagte, war Gesetz (zumindest meistens). Interessanterweise verbindet Papa Schlumpf und Gosling auch eine gewisse optische Ähnlichkeit. Mittlerweile hat Javas Oberschlumpf aber der einst sonnigen Mikrowelt den Rücken gekehrt.

Liest man sich die Stellungnahmen der Java-Gurus nochmals durch, erfährt man viele Fakten, die heute teilweise in Vergessenheit geraten sind. So startete Sun Microsystems das Projekt „Green“ seinerzeit mit dem Ziel, eine Systemumgebung zur Steuerung von Set-Top-Boxen hervorzubringen. Bald sollten sich damit auch Geräte wie Kaffeemaschinen, Kühlschränke oder Toaster programmieren lassen. Aus heutiger Sicht hat Sun auf ganzer Linie versagt – oder kennen Sie jemanden, der seine Haushaltsgeräte mittels Java steuert? Stattdessen brachte das Projekt eine Programmiersprache und in weiterer Folge eine Plattform hervor, die in den Folgejahren für eine Revolution in der Softwareindustrie sorgten: Java. Offiziell vorgestellt wurde es am 23. Mai 1995 auf der Sun World als „DOS of the Internet“, aber auch daraus wurde erst einmal nichts. Mit dem späteren Slogan „Java anywhere“ traf die Firma dann endlich den Nagel auf den Kopf.

Maßgeblich für den Erfolg von Java waren natürlich seine innovativen Konzepte. So war die Plattformunabhängigkeit ein Argument, das man anfangs bei so gut wie jedem Kundengespräch hörte. Interessanterweise spricht heute kaum noch jemand davon. Ganz vertrauten die Hersteller dem neuen Paradigma aber nicht. So lieferte Symantec in der Anfangsphase neben dem Java-Bytecode-Compiler auch einen für native Windows-Programme aus. Und Microsoft versuchte Java mit seinen eigenen Technologien zu verheiraten.

Weiterhin veranlasste Javas automatische Speicherverwaltung viele Entwickler dazu, sich vom mächtigen C++ abzuwenden und mit Java neu durchzustarten. Schnell merkten sie aber, dass auch hier nicht alles eitel Sonnenschein ist. So passierte es immer wieder, dass ein mysteriöser OutOfMemory-Fehler für Ärger in der schönen, neuen Welt sorgte.

Für die rasche Verbreitung von Java sorgte übrigens ein Unternehmen, das mittlerweile in der Versenkung verschwunden ist: Netscape. Als erste Firma hatte Netscape an der Börse Erfolg, ohne Gewinne ausweisen zu können und gilt als Vorreiter der New Economy. Das Web wurde damals gerade populär. Nachdem Netscape das Web verkörperte und mit dem Navigator Java mit installiert wurde, brachte es Java auf viele Nutzerrechner.

Besonders die Applets erfreuten sich in den ersten Jahren großer Beliebtheit. Einer der Artikel im Heft zielte deshalb auf das Java-Plug-in ab und zeigte, wie man Applets ausliefern kann und im Browser zum Laufen bringt. Interessanterweise spielt diese Technologie mittlerweile bei der Entwicklung von Webanwendungen nur mehr eine sehr bescheidene Rolle. Stattdessen setzen die meisten Programmierer Java-Frameworks ein, die dynamisch (X)HTML-, CSS- und JavaScript-Code generieren. Dank der Smartphone-Apps (Android, iPhone) erfuhr aber zumindest die grundlegende Idee hinter den Applets eine Wiedergeburt. Die im Mobility Special als zukunftsreich angepriesenen MIDlets gehören dafür endgültig der Vergangenheit an.

Weitere Themen in dieser Ausgabe waren die geplanten Neuerungen unter Java 6, das Struts-basierende Komponentenframework Expresso, die neuen Features von Hibernate 3 und die J2EE-Webcontainer-Alternative Simple. Weiterhin beinhaltete das Heft den ersten Teil einer mehrteiligen Spring-Serie. Eberhard Wolff stellte in dem Artikel die Dependency Injection und das JdbcTemplate vor.

Bernhard Löwenstein (b.loewenstein[at]gmx.at) arbeitet als Projektleiter und Softwareentwickler für die Potsdamer Intervista AG. Er ist außerdem als selbstständiger IT-Trainer und Autor tätig. Weiterhin organisiert er als Obmann des Instituts zur Förderung des IT-Nachwuchses altersgerecht gestaltete Programmier-Workshops für Kinder und Jugendliche.
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