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Top 10 der Software-Katastrophen

Bugs gehören zum Entwickleralltag - und sind meist schnell gefixt. Allerdings gibt es auch die Sorte von Software-Fehlern, die einen über einen langen Zeitraum begleiten, frei nach dem frivolen Motto: "Programmieren ist wie Sex. Für jeden Fehler muss man sein Leben lang Unterhalt bezahlen." Am gefährlichsten sind aber wohl die Bugs, die lange Zeit unentdeckt bleiben und plötzlich dazu führen, dass Produktiv-Systeme nicht mehr tun, was sie sollen.

Und wenn diese Fehlfunktionen in missionskritischen Anwendungen auftreten, kann es, im wahrsten Sinne des Wortes, katastrophale Auswirkungen haben - von handfesten Unternehmenspleiten über Milliarden-Schäden für den Steuerzahler bis hin zu menschlichen Tragödien.

Die Top 10 der Software-Katastrophen erzählt diese Geschichte - und stellt dabei nur die Spitze des Eisberges dar:

  1. Familienkasse verteilt Geschenke

    Die britische Familienbehörde (CSA) führte 2004 ein neues IT-System ein, das dazu führte, dass 1.9 Millionen Menschen zuviel Geld ausbezahlt bekamen, 700.000 andere zu wenig. 7 Milliarden Dollar Steuern wurden zu wenig bezahlt, 240.000 Fälle wurden nicht bearbeitet.

    Grund: Zur gleichen Zeit der Einführung des Systems beschloss das Arbeitsministerium, die Familienbehörde umzustrukturieren. Die Software passte nicht mehr zur neuen Struktur und wurde umgeschrieben - wobei schwere Fehler ins System eingeschrieben wurden, 500 bekannte Bugs wurden nie behoben.

  2. Mariner 1 Crash

    1962 brach die Mariner-1-Rakete zu einer Mission zur Venus auf - und triftete kurz nach dem Start von ihrer geplanten Laufbahn ab. Die Mariner 1 musste zerstört werden, über 18 Millionen US-Dollar wurden in den Sand gesetzt.

    Grund: Ein Programmierer übertrug eine Formel nicht korrekt von einem handgeschriebenen Dokument in den Quellcode.

  3. 22 Verhaftungen wegen fehlerhafter Datenbankmigration

    In einer australischen Polizei-Datenbank wurden 2011 beim Datentransfer 3.600 Datensätze fehlerhaft übertragen. Resultat waren 22 Verhaftungen unschuldiger Personen.

  4. War Games

    Das Frühwarnsystem der sowjetischen Streitkräfte meldete 1983 fünf ballistische Raketen, die von US-Territorium auf die UdSSR abgeschossen wurden. Glücklicherweise interpretierte ein Offizier diese Meldung als Fehlalarm - wenn die USA tatsächlich angreifen würden, hätten sie mehr als fünf Raketen abgeschossen.

    Grund: Ein Bug in der sowjetischen Früherkennungs-Software verhinderte die Unterscheidung zwischen Raketen und Sonnenreflektionen auf Wolken.

  5. Deutsches Maut-Desaster

    2003 versuchte das deutsche Toll Collect die politisch beschlossene LKW-Maut einzuführen. Nachdem ausgelieferte Hardware für identische Strecken unterschiedliche Gebühren anzeigte, wurde eine Rückrufaktion eingeleitet. Obwohl bereits für 2003 geplant, wurde der volle Betrieb des Systems erst 2006 möglich. 3,5 Milliarden Euro Einnahmeausfälle wurden in einem Verfahren gegen das Unternehmen geltend gemacht. Bis heute streitet man sich über das Verhältnis zwischen politischen, technischen und organisatorischen Fehlern.

  6. Ausweisnotstand in UK

    1999 versuchte die britische Pass-Behörde ein neues Siemens Computer-System zu installieren, das dazu führte, dass für ca. eine halbe Million britischer Bürger die Ausweise nicht rechtzeitig ausgestellt werden konnten.

    Grund: Das System wurde ohne ausführliches Testen und ohne ausreichende Schulung des Personals eingeführt. Gleichzeitig sah ein neues Gesetz vor, dass unter 16-Jährige für Auslandreisen einen neuen Pass benötigten. Der gestiegene Ausweis-Bedarf konnte durch ein buggy System nicht gedeckt werden.

  7. Strahlungstod wegen Software-Fehler

    Eine Bestrahlungsmaschine für Krebspatienten verrechnete sich 2000 systematisch bei der Dosierung. Der Fehler kostete 8 Menschen das Leben, 20 wurden schwer verletzt.

    Grund: Die Berechnung basierte auf der Reihenfolge, in der Daten eingegeben wurden, was fehlerhafte Eingaben provozierte.

  8. Schokoladenberg dank ERP-Bug

    Das ERP-System des britischen Schokoladenherstellers Cadbury verursachte durch einen Bug eine Überproduktion von Schokoladenriegeln, die nicht abgesetzt werden konnten. 48 Millionen Euro soll der Bug dem Unternehmen gekostet haben.

  9. Patriot verfehlt SCUD-Raketen

    Während des ersten Golfkriegs verfehlte das amerikanische Patriot-Abwehrsystem eine SCUD-Rakete, die 28 Menschen tötete. Grund: Ein Rundungsfehler in einer frühen Version des Patriot-Systems führte zu fehlerhaften Zeit-Berechnungen.

  10. Ariane 5 zerstört sich selbst

    Auch die Europäische Raumfahrt hat ein Software-Desaster zu beklagen. 1996 musste eine Ariane 5 Rakete gesprengt werden, da sie vom Kurs abgekommen war - 36 Sekunden nach dem ersten Start.

    Grund: Die Ariane 5 verwendete Software vom Vorgängermodell Ariane 4 weiter. Allerdings war der schnellere Antrieb der Ariane 5 für einen Bug anfällig, der bei der Ariane 4 noch nicht bemerkt wurde: eine 64-Bit-Zahl traf auf einen 16-Bit-Speicher.

Bei solchen IT-Katastrophen dürften sich die meisten von uns erleichtert zurücklehnen und über die belanglosen Bugs im eigenen System lächeln. Tatsächlich zeigen Untersuchungen wie der von der Standish Group veröffentlicht Chaosreport, dass nur etwa ein Drittel der IT-Projekte erfolgreich, im Rahmen des festgelegten Budgets und Zeitplans abgeschlossen wurde und dabei auch noch die Anforderungen erfüllte.

Wer nachdenklich geworden ist, der findet in dem Artikel "Warum Projekte tatsächlich scheitern" eine weiterführende Lektüre - denn, das hat die obige Liste auch gezeigt, meist kommen zu den Programmierfehlern externe Probleme wie Kommunkationsflauten, (Unternehmens-)politischer Zeitdruck und Management-Miseren dazu.

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