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Erich Gamma wechselt zu Microsoft: Retrospektive einer Java-Karriere

Hartmut Schlosser

Eclipse-Visionär und Design-Pattern-Guru Erich Gamma geht zu Microsoft - eine Meldung, die gestern nicht wenige überraschte. Was sucht Gamma, den viele tief in der Java-Welt verankert sahen, als Chefentwickler eines Visual Studio Labs? Wird die Zukunft von Visual Studio nun mehr in Richtung eines "Open Visual Studio" gehen?, mutmaßte gestern ein Kommentator.

Doch halten wir uns an die Fakten. Wie Visual-Studio Chefentwickler Jason Zander in seinem Blog ankündigte, wird Gamma ab August 2011 als "Microsoft Distinguished Engineer" ein neues Visual Studio Development Labor in Zürich leiten. Offensichtlich wird dieses Lab ganz nach den Bedürfnissen Gammas eingerichtet, der seinen Lebensort Zürich nicht verlassen muss sondern lediglich von seinem langjährigen Brötchengeber IBM ins Microsoft-Lager wechselt. Weshalb ist diese Verpflichtung so spektakulär?

Eine kleine Retrospektive

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Erich Gamma wurde einer breiten Öffentlichkeit in den 90er Jahren bekannt, als er als Mitglied der sogenannten "Gang of Four" zusammen mit Richard Helm, Ralph Johnson und John Vlissides den Klassiker "Design Patterns, Elements of Reusable Object-Oriented Software" (1995) veröffentlichte.

Das Werk hat sich seither zu einer der populärsten Computer-Publikationen aller Zeiten entwickelt. Es beschreibt ein Vokabular wiederkehrender Muster in der Software-Entwicklung, das es erlaubt, von existierenden Best Practices in der objektorientierten Programmierung zu profitieren. Dieses kollaborative, inkrementelle Anhäufen gemeinsam nutzbaren Wissens gilt als einer der Grundgedanken in Gammas Arbeit, der ihn den offenen Prinzipien der Open-Source-Bewegung nahe brachte.

In diesem Sinne stellte Gamma Ende der 90er gemeinsam mit Kent Beck die Quellcodes des Testframeworks JUnit zur Verfügung, das in der Folge eine weite Verbreitung unter Java-Entwicklern fand und das Testen weg von dezidierten Test-Teams in die Hände eines jeden Entwicklers legte.

Den größten Einfluss auf das Java-Ökosystem übte Gamma wohl mit seinen Arbeiten an der Eclipse-Entwicklungsumgebung aus. In den 90ern arbeitete Gamma bei dem Züricher Unternehmen Object Technology International (OTI), das 1996 von IBM übernommen wurde. Seine Arbeiten an einer Entwicklungsumgebung für Smalltalk (Visual Age Micro Edition, VAME) flossen schließlich in das IBM-Projekt ein, das 2001 unter dem Namen "Eclipse" Karriere machte und die Welt der Entwicklungswerkzeuge revolutionierte.

Gamma leitete zu diesem Zeitpunkt das Eclipse-Projekt "Java Development Tools" (JDT), das als erstes Anwendungsbeispiel für die grundsätzlich offene Eclipse-Plattform fungierte und als Open-Source-Java-IDE bald alle kommerziellen Konkurrenten verdrängte. Heute ist Eclipse die weltweit am weitesten verbreitete Java IDE und hat sich durch stete Weiterentwicklungen in nahezu allen Bereichen der Softwareentwicklung - und darüber hinaus als Laufzeittechnologie zahlreicher RCP- und OSGi-Anwendungen - etabliert. Kaum eine Sprache, die heute nicht einen Eclipse-Port vorzuweisen hat - selbst die .NET-Plattform lässt sich längst auch mit Eclipse bedienen.



Erich Gamma (rechts) mit seinem Eclipse-Team

Auch in der Art und Weise der Software-Entwicklung übte Gamma einen bleibenden Einfluss aus: In seiner Zeit bei Eclipse erarbeitete er einen Entwicklungsmodus, der unter dem Namen "The Eclipse Way" bekannt geworden ist. Es handelt sich dabei im Wesentlichen um einen Zyklus wohldefinierter Entwicklungsmeilensteinen und einen Rhythmus regelmäßiger, konsumierbarer Releases, der auch heute noch bei Eclipse Verwendung findet. Die von Gamma inspirierten Entwicklungsprozesse bei Eclipse ermöglichen auch in den heutigen Zeiten der immer wieder verschobenen Releases ein pünktlich im Sommer erscheindendes Simultan-Release aufeinander abgestimmter Eclipse-Projekte. Im aktuellen Eclipse Indigo werden 62 Projekte vertreten sein, die es insgesamt auf sagenhafte 46 Millionen Lines of Code bringen sollen.

Erich Gamma in einem Eclipse-Magazin-Interview zum fünften Geburtstag von Eclipse:

Der Evolutionsprozess unseres "Eclipse Way" war eine wichtige und angenehme Erfahrung. Wir haben den Entwicklungsprozess ständig angepasst und verbessert. Wenn sich etwas bewährt, dann wird das kontinuierlich fortgesetzt: Das heißt kontinuierliches Planen, kontinuierliches Refactoring, kontinuierliche Integration, kontinuierliches Testen, kontinuierliche Demos, kontinuierliches Nutzen unseres eigenen Outputs, kontinuierliches Feedback und schließlich kontinuierliches Weiterbilden. Erich Gamma



Erich Gamma mit Eclipse-Foundation-Direktor Mike Milinkovich und Sebastian Meyen auf der JAX 2005

Erich Gamma bei Microsoft

Nach seinen jüngsten Arbeiten bei IBM, wo er für die kommerzielle kollaborative Entwicklungssuite IBM Rational Jazz verantwortlich zeichnete, steht Erich Gamma nun also ab August bei Microsoft unter Vertrag. An welchen Bereichen Gamma dort genau arbeiten wird, ist noch nicht bekannt geworden.

Ein mögliches Betätigungsfeld stellt sicherlich die Integrationsarbeit zwischen der Java- und der .NET-Plattform dar. Microsoft hat hier in den letzten Monaten bereits einige Integrationslösungen vorgelegt, beispielsweise das Visual Studio Eclipse-Plug-in Team Explorer Everywhere und die Windows Azure Tools for Eclipse, die u.a. auch auf einschlägigen Eclipse-Konferenzen vorgestellt wurden. Hier könnte Gamma seine Java- und Eclipse-Expertise voll einbringen.

Visual-Studio-Leiter Jason Zander gibt sich jedenfalls enthusiastisch über die Neuverpflichtung und heißt Gamma im Visual Studio Team willkommen:

The Visual Studio team is passionate about inspiring developers to create great software. We want to make developers successful and enable them to continuously deliver value. We are constantly looking for better ways to accomplish these goals. I'm very excited to have someone like Erich who shares our passion join the team. Please join me in welcoming Erich to the Visual Studio team! Jason Zander

Jenseits der Spekulationen kann festgehalten werden, dass Microsoft mit Gamma eine aufsehenserregende Verpflichtung gelungen ist, die die Augen vieler Java-Entwickler und -Anwender mit Spannung in Richtung Microsoft lenken wird. Was auch immer da kommen mag, Gammas Vita und technische Expertise weckt hohe Erwartungen.

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