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Das Git-Dilemma: Apache als Innovationsbremse?

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Das Git-Dilemma: Apache als Innovationsbremse?

Hartmut Schlosser

"Institutionen tendieren dazu, das Problem zu erhalten, für das sie die Lösung darstellen." - dieses Zitat von Clay Shirky bezieht Blogger Mikeal Rogers auf eine Institution, die vielen als Inbegriff einer offenen Entwickler-Community gilt: Die Apache Software Foundation. Hat sich der "Apache Way" angesichts alternativer Hosting-Services zu einem Anachronismus entwickelt?

Apache und das Git-Dilemma

Geschaffen, um das Infrastrukturproblem vieler Open-Source-Projekte zu lösen (Hosting-Server, Wiki, Mailing-Listen, etc.) und als unabhängige Organisation ein Gegengewicht zu Unternehmensinteressen zu bilden, wird die Apache Foundation heute durch die Existenz von Hosting-Diensten wie GitHub in Frage gestellt, meint Mikeal Rogers. Denn GitHub biete alle nötigen Infrastruktur-Komponenten, ohne - wie Apache - bürokratische Hürden aufzustellen.

In seinem kontroversen Blogpost "Apache considered harmful" beschreibt Rogers die Widerstände, die Apache dem CouchDB-Projekt und ihrem Anliegen entgegenbrachte, als Versionierungssystem nicht Subversion sondern Git zu verwenden. CouchDB erhielt zwar nach einigem Ringen die Erlaubnis, Git zu nutzen, doch legte das Beispiel die tiefe Abneigung im Apache-Lager offen, das eigene System Subversion aufzugeben.

Dabei gilt das zentralisierte Subversion vielen Entwicklern als nicht mehr zeitgemäß. So legt Eclipse-Committer Chris Aniszczyk in seinem Blog "Apache and Politics Over Code?" dar, dass verteilte Systeme wie Git oder Mercurial den heutigen Anforderungen von Open-Source-Projekten, die sich meist aus einer heterogenen Gruppe räumlich getrennt agierender Committer zusammensetzt, besser entsprechen. Bei Eclipse hat man sich deshalb für die Migration zu Git entschieden, unter tatkräftiger Mitwirkung von Chris als Projekt-Co-Leiter von EGit/JGit. Und Chris empfiehlt auch der Apache Foundation, über den eigenen Schatten zu springen und die Git-Migration einzuleiten.

Apache, Eclipse, FSF - wozu überhaupt noch?

Die brennende Frage, die Mikeal Rogers indes in seinem Blog aufwirft, ist die nach der heutigen Legitimation von Open Source Foundations überhaupt. Haben Open Source Foundations wie Apache, Eclipse, Linux Foundation oder die Free Software Foundation ihren Wert als Infrastruktur-Bereitsteller aufgrund von Alternativen wie GitHub verloren, so stellt sich die Frage, weshalb sich Open-Source-Projekte den oft politisch motivierten Prozessen der jeweiligen Foundation noch stellen sollten.

Apache was not created to host subversion but in those early days its main value proposition for developers, not companies, was removing barriers to entry. Those barriers no longer exist but the ASF is determined to preserve the problem they had been solving rather than turning to their core values and re-structuring the organization to promote their ethos in a changed world. Mikeal Rogers

Die Debatte hat Wellen geschlagen und Eclipse-Foundation-Direktor Mike Milinkovich zu seiner Antwort "Foundations Considered Useful" motiviert. Es sei das eine, die Vorteile eines verteilten Versionierungssystems zu loben und die Apache Foundation zu einer Migration zu Git bewegen zu wollen. Etwas völlig anderes stelle aber die Annahme dar, Open Source Foundations seien anachronistisch, hätten ihre Arbeit erfüllt und könnten durch reine Hosting Services wie GitHub ersetzt werden.

But is git and GitHub so powerful a force that the Eclipse Foundation should just roll over and die? Mike Milinkovich

The Eclipse Way

Laut Milikovich bringen Open Source Foundations über die Infrastruktur-Vorteile hinaus zahlreiche Möglichkeiten für Projekte, die ohne institutionelle Unterstützung nicht zu erreichen wären. Im Namen der Eclipse-Community zählt Milinkovich vier Punkte auf:

  • IP Management. Niemand nehme das Thema Urheberrechte so ernst wie Eclipse. Ziel ist es, Unternehmen produktionsreife Software anbieten zu können, die über jeden Zweifel über die Legalität der verwendeten Komponenten erhaben ist.
  • Voraussehbarkeit. Seit acht Jahren liefert die Eclipse Community ihr jährliches Release punktgenau ab. Unternehmen können dem Eclipse-Release-Plan mit einer Planungssicherheit begegnen, die sie selbst bei kommerziellen Produkten selten erreichen. Die Koordination der über 60 am letzten Release-Train teilnehmenden Projekte erfordert zu einem gewissen Grad eine zentrale Planungsinstanz.
  • Branding und Community. Die Marke Eclipse verhilft vielen Projekten zu einer Sichtbarkeit und Glaubwürdigkeit, die sie alleine nie erreichen würden. Für Entwickler kommt dazu das identitätsstiftende Bewusstsein, zu einer großen Community Gleichgesinnter zu gehören, die sich in regelmäßigen Abständen auf Entwickler-Konferenzen, Eclipse Days und DemoCamps trifft.
  • Industrie-Kollaboration. Viele große Unternehmen suchen nach Wegen, an der Open Source Bewegung teilzunehmen. Foundations wie Apache und Eclipse bieten die geeigneten Prozesse für solche Unternehmen, Quellcode offen zugänglich zu machen und mit anderen Unternehmen an gemeinsamen Zielen zu arbeiten.

Das Plädoyer für Git lässt Milinkovich indes uneingeschränkt gelten: Git bringe zweifellos eine soziale Dynamik in den Partizipationsprozess von Software-Projekten, die mit keinem anderen System (CVS, SVN) zu erreichen wäre, schreibt Milinkovich. Die Git-Migration bei Eclipse sei deshalb als strategischer Versuch zu werten, aktiv Praktiken das Social Engineering voranzutreiben und die Einstiegshürden für neue Committter zu senken.

Im nächsten Schritt sei man gar bereit, mit GitHub zusammenzuarbeiten, um es für die breitere Community einfacher zu machen, Eclipse-Projekte zu forken.

Next up is to do more work with GitHub to make it even easier for the broader community to fork Eclipse projects and contribute code back. We are consciously embracing the whirlwind. Mike Milinkovich

Wann migriert Apache?

In Mike Milinkovichs Verteidigung der Werte von Open-Source-Foundations liegt viel Wahrheit. Sich an die wechselnden Bedürfnisse der Community anpassend, ist es der Eclipse Foundation immer wieder gelungen, sich selbst neu zu erfinden und Werte für die Mitgliedsunternehmen zu schaffen. Als Beispiel sei hier das Konstrukt der Industry Working Groups erwähnt, das langsam Früchte zu tragen beginnt (siehe "Eclipse Polarsys: Kollektive Entwicklung sicherheitskritischer Systeme" und "Machine-to-Machine-Kommunikation: Neue Eclipse Industry Working Group").

Milinkovichs deutliches Plädoyer für Git muss aber auch als Kritik an Apache verstanden werden, den Trend hin zu verteilten Versionssystemen verschlafen zu haben. Apache muss sich vorhalten lassen, eine gewisse Mutlosigkeit zu zeigen, Veränderungen einzuleiten und den "Weg des Wirbelwinds" mitzutanzen. In Mike Milinkovichs Text könnte die Aufforderung an Apache, die zwischen den Zeilen steht, also lauter gar nicht sein:

Wann migriert Apache endlich zu Git?

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