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Gipfeltreffen der Maschinenflüsterer

M2M Summit 2013: Zum Aufbruch bereit, zum Wandel nicht

©Shutterstock/PlusONE

Der Machine-to-Machine-Bereich wächst. Das lässt sich allein schon an den Besucherzahlen der Branchen-Treffs ablesen: Vergangenen Dienstag fand im Düsseldorfer Congress Center der 7. M2M Summit statt, mit 991 angemeldeten Gästen und 59 Ausstellern der bisher größte. In diesem Jahr kürte der Veranstalter, die 80 Mitglieder starke M2M Alliance, Schweden zum Partnerland. Mit Unternehmen wie der Deutschen Telekom, IBM, Ericsson und Vodafone gaben sich die großen Player in diesem Bereich ein Stelldichein. Obwohl es Konzerne sind, die auf eine langjährige Markterfahrung zurückblicken können, wurde im Laufe des Tages immer wieder deutlich: Beim Sturm auf den M2M-Markt sind neue Tugenden gefragt. 

Was ist M2M, und wenn ja, wie viele?

Es ist so gut wie unmöglich, bei den optimistischen Wachstumsprognosen für den M2M-Bereich nicht in einen Goldrausch zu verfallen. Forschungsinstitute und Industrieanalysten überbieten sich gegenseitig mit ihren Voraussagen für den M2M-Markt. Erst kürzlich veröffentlichte IData eine Studie, der zufolge es bis 2020 nicht die von Ericsson erwarteten 50 Milliarden, sondern 80 Milliarden vernetzte Geräte geben soll. In einer neuen, von der M2M Alliance durchgeführten Untersuchung gaben 95 % aller befragten Unternehmen an, ein Wachstum für ihren M2M-Bereich zu erwarten. 73 % gehen sogar davon aus, dass dieses zweistellig sein wird. 

In der Zahl der Prognosen und Analysen, aber auch in der postmodernen Vielfalt an Begriffen und Definitionen spiegelt sich die Fragmentierung dieses jungen, dynamischen, aber schon sehr unübersichtlichen Marktes wider. Ob M2M, Internet of Things, Industrial Internet, Internet of Everything oder Internet of Objects – fast jeder, der sich ein Stück vom M2M-Kuchen sichern möchte, erfindet ein eigenes Etikett. Prof. Dr. Jens Böcker, Vorstandsmitglied in der M2M Alliance und Moderator des Summits, leitete die Veranstaltung mit einer erfrischend einfachen Definition ein: Er versteht unter M2M schlicht einen „industrieunabhängigen, automatisierten Austausch von Informationen zwischen Maschinen“. Den Begriff M2M an sich sehen einige skeptisch. Martin Gutberlet etwa, der die Fujitsu Technology Solutions GmbH vertrat, findet das Kürzel zu technisch. Die Allgemeinheit – und schließlich möchte man ja den Massenmarkt erreichen – könne sich unter „Internet of Things“ eher etwas vorstellen.

Pre-Hype oder Post-Hype?

Auch in Sachen Standortbestimmung gab es unterschiedliche Auffassungen. Jens Böcker gab eine persönliche Einschätzung zum Besten: Gartners Hype-Cycle-Theorie zufolge habe der M2M-Hype im Jahr 2010 seinen Höhepunkt erreicht. Nach einer Phase der Desillusionierung sei nun das „Plateau of Productivity“ erreicht. Seit Anfang 2013 zeichne sich ein kontinuierlicher Produktivitätsanstieg ab. Dem widersprach ein Teilnehmer von Microsoft aus dem Publikum, der sich während der Paneldiskussion „M2M Becomes Reality“ (s. Bild) zu Wort meldete: Der große Hype stehe noch bevor. Die Öffentlichkeit beginne gerade erst, Interesse an diesen Technologien zu entwickeln. Marc Sauter (Vodafone Ltd.) vermittelte zwischen diesen Positionen, indem er darauf hinwies, dass dies sehr von den vertikalen Märkten abhänge. Im Einklang damit wies Jürgen Hase, Vorsitzender des M2M-Kompetenzzentrums bei der Deutschen Telekom, in der Paneldiskussion auf den Vorsprung des Automotive- und des Gesundheitsmarktes hin. Was die geografische Verteilung angeht, so sei die Akzeptanz auf den asiatischen Märkten am höchsten. Besonders schnell in der Umsetzung von M2M-Lösungen seien kleinere und mittlere Unternehmen. Weshalb das so ist und ob man sich von ihnen etwas abschauen kann, wurde auf dem Summit nicht weiter thematisiert. Unterm Strich bleibt die Erkenntnis, dass es sich um einen Markt der unterschiedlichen Geschwindigkeiten handelt.

Panel-Diskussion: „M2M Becomes Reality“. V.l.n.r: Jens Böcker (Hochschule Bonn-Rhein-Sieg) , Kai Brasche (Telefonica Germany GmbH & Co. OHG), Bernd Wunderlich (IBM Deutschland GmbH), Magnus Melander (B3IT Management AB), Marc Sauter (Vodafone Ltd.), Jürgen Hase (Deutsche Telekom AG)

 

„Wie Strom aus der Steckdose“

Trotz unterschiedlicher Blickwinkel und Einschätzungen wurde auf dieser M2M-B2B-Konferenz immer wieder deutlich, dass man sich auf einer gemeinsamen Mission befindet: Zum einen gilt es, die Vorteile von M2M-Technologien richtig zu kommunizieren; zum anderen geht es darum, Unternehmen effizienter zu machen. Jan Geldmacher (Vodafone), der am Morgen die zweite Keynote hielt, beschrieb die Entwicklung und das Potenzial von M2M griffig anhand eines vierstufigen Modells:

 

  1. VISUALIZE – die Verbindung der Geräte mit einem Backend (track and trace, remote controlling etc.)
  2. INTEGRATE – Zusammenführung gesammelter Daten
  3. ANALYZE – Erkenntnisgewinn durch Auswertung der Daten
  4. TRANSFORM – Erhöhung der Effizienz des Unternehmens und Entwicklung neuer Geschäftsmodelle und Services auf Basis der gewonnenen Erkenntnisse

 

Erst in der letzten Phase beginne die eigentliche Wertschöpfung, so Geldmacher. Dass sich Unternehmen gerade hierbei schwertun, liegt nicht zuletzt am komplexen Zusammenspiel der beteiligten Komponenten. Beispiel Verkaufsautomaten: Hier müssen zur optimalen Lieferung nicht nur die Füllstände der Automaten selbst, sondern auch Verkehrsmittel und –wege berücksichtigt werden. Neben ausgereiften Big-Data- und Business-Intelligence-Lösungen sind also strategische Partnerschaften das A und O der M2M-Industrie – darin waren sich alle Sprecher des Summits einig. Nur durch Allianzen lassen sich komplette End-to-End-Lösungen anbieten. Denn, auch darin war man einer Meinung, Kunden sollen von dem komplexen Geflecht aus Technologien, Dienstleistungen und Anbietern am besten nichts mitbekommen. „M2M-Lösungen sollen wie Strom aus der Steckdose kommen“, so Eric Schneider, erster Vorsitzender der M2M-Alliance, während einer Pressekonferenz auf dem Summit. Und: „Lassen Sie uns nicht über Technik reden.“

Auch die Telekom bleibt bei ihrem End-to-End- bzw. One-Stop-Shop-Modell, das Jürgen Hase bereits letztes Jahr im Interview mit uns vorgestellt hatte. Schießlich hat man dort mit T-Systems einen starken IT-Provider unter dem eigenen Dach.

Top-down-Entscheidungen

Hases Kollege, Dr. Thomas Kiesling, sprach in seiner Keynote unverhohlen davon, dass Partnerschaften mit anderen Unternehmen wie Oracle oder IBM „CEO-driven“ seien bzw. „Top-down“ geschmiedet würden. Im Klartext: ohne Beteiligung derer, die wegbereitende Technologien schaffen. Von Entwickler-Slogans wie „Software is eating the world” oder gar „Developers are the new kingmakers“, auf Konferenzen wie der JAX oder EclipseCon mittlerweile allgegenwärtig, war nichts zu hören. Dabei verfolgt die Telekom mit ihrer innovativen Entwicklerplattform „Developer Garden“ genau das Ziel, die Entwickler-Community besser zu vernetzen, damit zu stärken und letztendlich Innovationen zu fördern. Solche Kooperationen hält Hase zwar für „extrem wichtig“, genauso wie eine „offene Architektur“ der Technologielösung. Allerdings blieb unsere Frage, ob die Entwicklercommunitys der Alliance-Mitglieder auch in großem Stil die Kräfte bündeln werden, auf der Pressekonferenz unbeantwortet.

Immerhin: Der Summit soll künftig „in Richtung der Anwender“ (Hase) geöffnet werden. Man wolle sich zunehmend international ausrichten – in diesem Jahr wurde der Summit erstmalig komplett in englischer Sprache veranstaltet – und auch Hochschulen einbeziehen, um „kein Klassentreffen der Industrie“ zu bleiben.

Open != Open

Apropos: „Offen“ war ein gern gebrauchtes Wort auf dem M2M Summit. Abgesehen von der „offenen Architektur“, die die Telekom anstrebt, bezeichnete im Innovation Forum am Nachmittag das englische Pendant „Open“ auch eine Plattform, die gar nicht offen im Sinne von „quelloffen“ ist. Die Rede ist von der OpenMTC-Middleware-Plattform des Forschungsinstituts Fraunhofer Fokus, das ebenfalls der Allianz angehört.

Last but not least gibt es noch die Open-Source-Technologien, die in der M2M-Welt bislang ein Nischendasein fristen. Gerade den, der die Neuerungen rund um Embedded Java, das geschäftige Treiben der M2M Working Group der Eclipse Foundation oder den MQTT-Standardisierungsprozess beim zuständigen OASIS-Komitee verfolgt, musste diese Erkenntnis ernüchtern. Thomas Eichstädt-Engelen, der die Open-Source-Heimautomatisierungsplattform openHAB (s. Bild) vorstellte, kritisierte, dass die in den Keynotes propagierte Offenheit mehr auf die Öffnung gegenüber zahlungsbereiten Kunden abziele und weniger auf die Zugänglichkeit der verwendeten Technologien. Ian Skerrett, der im Innovation Forum die M2M-Strategie der Eclipse Foundation präsentierte, plädierte für mehr Entwicklerbeteiligung und empfahl, sich ein Beispiel an der Open-Hardware-Bewegung (Raspberry Pi, Arduino & Co.) zu nehmen, die der M2M-Entwicklung insgesamt enorme Schubkraft verleihe.

Thomas Eichstädt Engelen präsentierte openHAB

„M2M ist eine sehr stille Industrie. Es findet wenig Kommunikation zwischen den Anbietern statt“, stellte Skerrett in seiner Präsentation fest. Am Ende des Summit-Tages hatte er damit nicht ganz Unrecht: Gerade die Paneldiskussion, in der man eher einzeln präsentierte als gemeinsam debattierte, machte deutlich, wie wenig die Branche von Schnittstellen, wie stark sie von Einzellösungen, ja, Silos, geprägt ist. Die Partnerschaften, auf die man sich gern beruft, werden meist bilateral geschlossen und sind pragmatisch auf spezielle Services ausgerichtet. Der Frage nach gemeinsamen Standards, die ein Teilnehmer im Publikum stellte, wichen die Diskutanten aus. Magnus Melander vom schwedischen IT-Dienstleister B3IT Management AB warf sogar ein: „I think M2M has to be fragmented“. Die Spezialisierung auf verschiedene vertikale Märkte sei nun einmal notwendig. Ein Plädoyer für Silos und ein „Weiter-so“ für die anwesenden Unternehmen also, das zeigt: Zum Aufbruch in die M2M-Welt ist man bereit, zum Wandel nicht. Somit blieben die möglichen Folgen der Marktfragmentierung ein blinder Fleck – und die Gruppe derer, die mehr Entwicklerbeteiligung, Kooperation und gemeinsame Standards fordern, eine Subkultur.

Aufmacherbild: Conceptual Wallpaper von Shutterstock / Urheberrecht: PlusONE

 

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